Bea und die Wölfe


Tilia I

Sie spürte längst ihre Beine nicht mehr. Schritt für Schritt lief sie über den schlammigen Boden, immer der Gestalt hinterher, die sich wenige Meter vor ihr den Weg durch das Dickicht bahnte. Ohrenbetäubend prasselte der Regen auf die Blätter über ihnen, prallte ab und fiel auf Tilia, die schon seit Stunden vollkommen durchnässt war. Das Wasser bildete einen Schleier vor ihren Augen, doch sie hatte keine Zeit, es weg zu wischen. Gerade so noch konnte sie erkennen, wo sie hintrat, dass jener Strauch Stacheln trug, merkte sie erst, nachdem sie sich in ihre Beine gebohrt hatten. Ein Blatt rutschte unter ihrem Fuß über den schlammigen Boden und sie fiel. Plötzlich war nur noch Schwärze um sie herum. Der Stein war ihr aus der Hand gefallen.

„Warte!“, brüllte Tilia gegen den Regen an. Sie bezweifelte, dass er sie hören konnte, doch er musste stehen bleiben, wenn er nichts mehr sah. 

Tilia tastete durch den Schlamm. Als ihre Finger die glatte Oberfläche des Bernsteins berührten, machte ihr Herz einen Sprung. Sie packte ihn und konzentrierte sich. Da leuchtete er wieder und sie stand auf. Sie sah, dass Attila auf sie gewartet hatte, doch kaum konnte er wieder seine Umgebung erkennen, drehte er sich um und schob Blätter beiseite, um weitergehen zu können. 

Tilia versuchte, ihn einzuholen, doch sie lief bereits so schnell, wie es ihr nach den Stunden der Flucht noch möglich war. 

„Warte!“, schrie sie noch einmal. Zwischen die Rinnsale aus Regenwasser in ihrem Gesicht mischten sich Tränen bei der Vorstellung, Attila zu verlieren. Endlich blieb er stehen. Mit leerem Blick betrachte er ihre flehenden Augen und die vor Verzweiflung bebenden Lippen. Er packte ihr Handgelenk und lief weiter.

Doch die Schmerzen in Tilias Beinen wurden langsam unerträglich. Immer mehr ließ sich Tilia von Attila ziehen. Dann fiel ihr wieder ein, wovor sie flohen und sie trieb sich noch einmal voran. Nach einer weiteren Stunde, in der der Schein aus ihrer Hand nie auf etwas anderes als das Dickicht dieses riesigen Waldes gefallen war, brach Tilia zusammen. Attila hockte sich zu ihr.

„Es geht nicht mehr.“, schluchzte sie. 

„Wir können erst sicher sein, wenn wir diesen Wald verlassen haben.“, sprach Attila.

„Sie verfolgen uns nicht mehr...“

„Das weißt du nicht.“, unterbrach er sie.

„Ich denke, sie haben uns von Anfang an nicht verfolgt.“, Tilia betrachtete ihre Hände. „Ich konnte sie verletzen, vielleicht wollen sie uns nicht folgen.“

Attila sah in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Hören und sehen konnte er nichts Bedrohliches, doch das hatte nichts zu bedeuten. Der Regen würde ihre Spuren im Boden schnell fortspülen, doch anhand der zerbrochenen Äste, die sie überall zurück gelassen hatten, konnte man sie bestimmt aufspüren. Er sah Tilia an. Ihm wurde klar, dass sie ihre Grenzen erreicht hatte. Sanft legte er seinen Arm um ihren Oberleib und half ihr, aufzustehen. 

„Wir gehen langsamer.“, sprach er. „Und wenn wir ein Versteck finden, bleiben wir dort.“

 

Zwischen den Wurzeln eines gewaltigen Baumes öffnete sich ein Erdloch, halb versteckt von riesigen Farnblättern. Vorsichtig schob Attila die Pflanzen beiseite, um hinein zu sehen. Tilias Licht fiel in eine erstaunlich tiefe Höhle. Sie sah ihn flehend an. Attila hatte gar kein gutes Gefühl: Diese Höhle war doch bestimmt nicht unbewohnt. Doch Tilia ging bereits voran und zog ihn mit sich. Was sollte er machen? Entweder Tilia würde in den nächsten Minuten draußen zwischen den Pflanzen in Ohnmacht fallen oder hier, wo es zumindest trocken war. Er folgte ihr.

Die Höhle war leer und weiter hinten wurde sie breiter. Das konnten sie gerade noch sehen, dann ging das Licht aus. Tilia hatte keine Kraft mehr. Sie ging noch die paar Schritte, bis sie mit den Händen die Wand der Höhle ertasten konnte, dann brach sie zusammen und schlief sofort. Attila setzte sich zu ihr und ertastete ihren Körper. Die durchnässte Kleidung klebte an ihrem schlaffen Leib. Er fühlte, wie sich ihr Brustkorb beim Atmen hob und senkte, und beruhigte sich langsam. Er stellte sicher, dass Tilia auch im Schlaf den Stein in ihrer Hand hielt und lehnte sich schließlich an die Wand hinter ihnen. Er wollte wach bleiben, doch in dieser absoluten Finsternis holte auch ihn der Schlaf schnell ein.

 

Attila schlief nicht so tief wie Tilia. Als er ein Schnaufen hörte, erwachte er. Noch immer sah er nichts, doch er roch etwas, und vor allem spürte er deutlich, dass etwas hier war. Etwas sehr Großes. Es atmete. Er schüttelte Tilia. Sie packte seine Hand und presste sie. Wieder hörten sie den Atem und diesmal spürten sie einen warmen, feuchten Luftzug direkt in ihren Gesichtern.

„Tilia.“, flüsterte Attila.

Ganz schwach ließ Tilia ihr Licht leuchten. Da erkannten sie, wessen Schlafplatz sie gerade gestört hatten: Vor ihnen stand ein riesiger Bär. Er füllte fast die ganze Höhle aus und hatte wohl gerade so durch den Eingang gepasst. Jetzt betrachtete er die Eindringlinge und schnaufte erneut. Er zögerte. Sein Kopf verharrte wenige Zentimeter vor ihnen und erneut nahm er einen tiefen Atemzug, vielleicht damit ihm sein Geruchssinn verriet, was für ungewöhnliche Wesen sich vor ihm befanden. Tilia, zitternd vor Angst, hob ihre Hand vor die Nase des Bären. Nun roch er an ihr, noch intensiver als zuvor, und schloss dabei seine Augen. Als sie sich wieder öffneten, hatte sich etwas in ihnen verändert. Tilia starrte ihn gebannt an. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen.

„Tilia!“, Attila zog an ihrer Hand: „Sieh nur!“, er zeigte auf einen Spalt im Boden, darunter konnten sie zuerst nur Schwärze erkennen. Doch sicher war: Der Bär würde dort nicht hineinpassen. Ohne Zeit zu verlieren, sprang Attila in den Spalt und Tilia folgte ihm. Sie landeten auf geradem Boden, noch eine Ebene tiefer als es die Bärenhöhle gewesen war. Tilia schaute noch einmal nach oben. Nichts schnaufte dort mehr. Wenn sie genau hinhörte, konnte sie ganz leises Atmen vernehmen.

Attila stupste sie an. Sie sah ihn fragend an, doch er war sprachlos. Statt zu antworten, deutete er auf das, was er vor sich sah und als Tilia das erblickte, blieb ihr Mund offen stehen. Vor ihnen auf dem Boden lagen Bücher, Papiere und Stifte. Tilia konnte noch immer kaum stehen, doch der Schreck vor dem Bären und nun ihr Erstaunen gaben ihr einen letzten Schub. Sie hockte sich vor den Arbeitsplatz, der im Zentrum der Bücher war. Schriftzeichen in der Sprache der Alben waren in etwas unschöner Handschrift auf dem Blatt zu sehen – nicht, dass Tilia sie verstanden hätte. Sie blätterte durch den Block und plötzlich sah sie etwas, das sie lesen konnte: Xarda'sche Zahlen und Buchstaben. Ja, sie konnte sogar erkennen, dass es sich um eine Mathematikaufgabe handelte. Erinnerungen an eine Zeit, in der ihr Leben noch ganz normal gewesen war, kamen wie eine Welle über sie. Tilia taumelte zurück.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte sie verständnislos.

Attila fing sie auf und hielt sie in seinen Armen. „Lass uns das morgen erforschen. Hier sind wir erst einmal sicher.

„Der Bär passt auf uns auf.“, flüsterte Tilia und schloss, zuversichtlich lächelnd die Augen. Und obwohl Attila da ein wenig skeptisch war, wollte er ihr gerade nicht widersprechen, sondern ließ sie mit diesem Lächeln einschlafen.

 

Als Attila erwachte, schien Licht durch den Spalt über ihnen. Es war noch immer sehr düster in der Höhle, obwohl bestimmt schon Mittag war. Mittag... Attila schaute durch den Spalt nach oben, sah aber nichts, als die von Wurzeln durchzogene Decke der Höhle. Ob der Bär noch dort war? Oder ob ihre Verfolger dort auf sie warteten? Attila betrachtete Tilia, die wie immer in Embryostellung schlief: mit den Händen vor ihrem Herzen gefaltet. Attila fiel auf, dass sie nun wirklich all ihren Besitz verloren hatten: Tilia hatte immer etwas gebraucht, dass sie im Schlaf an ihre Brust drücken konnte wie ein Kind – und wenn es nur ein Stoffknäuel gewesen war. Nun, sie würden schon noch etwas finden, dachte sich Attila und lächelte. Wie er Tilia betrachtete, die so ruhig schlief, als gäbe es keine Sorgen für sie, wurde ihm warm ums Herz und seine Zuversicht wuchs. Er fuhr ihr durchs Haar und küsste ihr auf die Stirn. Langsam wachte sie auf.

Beide sahen sich an. Ohne ein Wort zu wechseln, einigten sie sich, zu schweigen und Tilia erleuchtete den Raum, sodass sie sich umsehen konnten. Dies war ein viel kleinerer Raum als die Höhle über ihnen. Ein Mensch konnte gerade darin stehen – oder ein Elf, wie Attila bei sich dachte. Dies musste doch einem Elfen oder einem Alben gehören – die meisten Bücher hier waren schließlich in Alba geschrieben.

Eine Bewegung ließ die beiden zusammenzucken. Erschrocken sahen sie zum Spalt, der nach oben führte. Dort steckte jemand seinen Kopf hinein und lächelte sie an. Es sah aus wie ein Mädchen, wenn auch etwas schmutzig und die zerzausten Haare nur mittellang. Es schnüffelte einmal, dann begrüßte es sie.

„Hallo! Ich heiße Bea. Und ihr seid Menschen, nicht wahr?“

Tilia schaute Attila mit einer Mischung aus Begeisterung und Fassungslosigkeit an: Das... Diese Bea sprach Xarda, die Sprache der Menschen! Attila überlegte noch, was eine kluge Antwort war, als Tilia bereits einen Schritt auf Bea zutrat und sagte:

„Hallo Bea, ich heiße Tilia und das ist Attila. Wir sind Menschen. Und du?“

„Schön, dich kennen zu lernen, Tilia.“ Das Mädchen grinste breit, als wäre es ihr wirklich eine der größten Freuden, die sie seit langem hatte. „Wollt ihr beide nicht vielleicht zu mir hoch kommen? Ihr seht sehr hungrig aus und ich habe...“

„Wo ist der Bär?“, fuhr ihr Attila dazwischen.

Bea schien ein bisschen betrübt über die Frage, oder die Art, wie er sie gestellt hatte, forderte aber Tilia höflich auf, selbst nachzusehen. Obwohl Attila sie warnen wollte, schaute Tilia bereits in die Höhle über ihnen.

„Kein Bär da.“, bestätigte sie. „Dafür sehe ich ein paar Schalen mit Früchten.“, bei diesen Worten hielt sie sich den Bauch.

„Ich hatte mir gedacht, dass ihr ein wenig hungrig sein müsst.“, sagte Bea. „Kommt ruhig hoch.“

Tilia sah Attila auffordernd an. Der konnte nun auch nicht mehr genug einwenden, also hörten sie auf Bea.

In der größeren Höhle war es heller, sodass Tilia ihren Bernstein nicht mehr brauchte. 

„Nehmt euch ruhig was.“, forderte Bea sie auf und Tilia zögerte nicht, sich hinzusetzen und in die erstbeste Frucht zu beißen, ohne zu wissen, worum es sich handelte.

„Das tut so gut!“, dankte sie mit vollem Mund.

Langsam traute sich auch Attila, zuzugreifen. Dabei musterte er Bea skeptisch.

Die lächelte ihn unverwandt an und scherzte: „Du schaust mich an, als ob ich dich ver...“, da grübelte sie. „Ah, das Wort habe ich vergessen.“

„Vergiften.“, half ihr Tilia.

„Ja, als ob ich dich vergiften wollte.“ Bea grinste. „Ich habe seit Jahren keinen Menschen mehr gesehen. Es ist so schön, eure Gesichter vor mir zu haben.“

„Du meinst sicher, du hast seit Jahren keine Elfen mehr gesehen, oder?“, fragte Tilia. „Du bist doch ein Elf, oder?“

„Doch, ich bin Elf. Solche habe ich auch seit Jahren nicht gesehen, aber Menschen genauso wenig.“

„Warte, du bist also ein Elf, der seit Jahren in diesem Wald lebt, aber trotzdem schon einmal einen Menschen zu Gesicht bekommen hat?“, hakte Attila nach.

„Ja. So ist es.“

Attila und Tilia wechselten einen verwunderten Blick.

„Ich habe an der Westküste in Occidas gewohnt, dort wo die ersten Menschen ankamen.“

„Ach so.“

„Den Geruch der Menschen, vor allem den der Magier, habe ich mir genau eingeprägt. Gerüche sind sehr wichtig für mich. Als ich gestern in diese Höhle kam, war ich erst verärgert, dass jemand dort eingedrungen war, aber dann habe ich den Geruch wiedererkannt. Er hat meinen elfischen Geist geweckt und ich bin seit langem wieder in meiner Elfengestalt aufgewacht.“

„Also warst du der Bär?“, fragte Tilia.

„Die Bärin.“, betonte Bea. 

„So etwas habe ich noch nie gesehen.“, sagte Attila.

„Wie lange seid ihr denn schon in Geddon? Seid ihr mit den ersten Menschen hergekommen?“, wollte Bea wissen.

„Nein, die ersten kamen schon vor acht Jahren hier her, wir sind vor einem halben Jahr an der Westküste Occidas angekommen.“

„Na dann.“, Bea zuckte mit den Schultern und grinste unschuldig, als wäre es in dem Fall kein Wunder, dass so etwas wie sie neu für die beiden war.

„Und du bist wirklich ein Bär?“, hakte Tilia nach. „Vor allem: Dieser Bär? Ich meine diese Bärin war bestimmt Zweihundert Kilo schwer!“

Bea reichte ihr die Hand. „Halt mal.“ Und Tilia merkte, dass allein Beas Arm so viel wog wie ein halber Mensch.

„Meine Güte!“, staunte sie. „Aber ich erinnere mich: Du hast die gleichen braunen Augen wie die Bärin gestern. Nachdem du an mir gerochen hast, haben sich deine Augen verändert, als wäre dir etwas eingefallen.“

„Ja, so war es.“, Bea schaute verträumt ins Leere.

„Okay, Tilia, wir akzeptieren jetzt also einfach den Fakt, dass wir uns gerade mit einem Bären unterhalten?“, wollte Attila wissen. 

Tilia zuckte mit den Schultern. „Die Welt der Elfen ist nicht weniger magisch als unsere. Du erinnerst dich doch an Herrn Schwarz...?“

„Das waren doch nur Gerüchte.“, unterbrach Attila sie. An Bea gewandt fragte er: „Was passiert, wenn du dich jetzt wieder in einen Bären verwandelst?“

Bea faltete die Hände zusammen und versuchte, Attila mit ihrer Erklärung zu beruhigen. „In diese Richtung musst du dir keine Sorgen machen. Als Elf kann ich bestimmen, wann ich die Gestalt wechsle – nur als Bär ist das nicht ganz so einfach, da ich als Bär auch nur einen Bruchteil meines elfischen Verstands und meiner Erinnerungen habe. Daher bin ich froh, dass ich euch getroffen habe, denn ich war viel länger Bär, als es mir lieb gewesen wäre. Mein elfisches Ich fühlt sich richtig... verkümmert an.“

„Und du hast nicht vor, dich demnächst in einen Bären zu verwandeln?“, hakte Attila nach.

„Nein.“, versicherte Bea. „Tatsächlich kommt es mir vor, als hätte ich schon etwas verpasst... Ich mochte das Leben als Elfe ja auch sehr. Mein Vater hielt mich für sehr klug, er wollte, dass ich einen Abschluss mache...“

Plötzlich wurde Bea blass. „Vor acht Jahren habt ihr gesagt?!“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Bea sprang auf und rannte zu dem Loch, wo sie sich nach unten fallen ließ. Tilia sah ihr besorgt hinterher. Im Halbdunkeln sah sie Bea durch ihre Blätter kramen. Vorsichtig folgte Tilia ihr, um ihr zu Leuchten. Bea schien sie kaum wahrzunehmen. Als Tilia sich neben sie stellte, war sie über ein Dokument gebeugt, dessen Sprache Tilia nicht verstehen konnte.

„Was ist los?“, fragte sie sacht.

„Vor drei Jahren schon wollte ich meinen Schulabschluss machen. Papa wollte mich dafür abholen...“, schluchzte Bea.

Tilia hielt ihre Arme offen und Bea fiel ihr in die Arme. „Vielleicht konnte er dich nicht finden.“, versuchte sie, sie zu trösten.

„Er hat eine noch viel bessere Nase als ich.“, weinte Bea. „Vielleicht hat er mich vergessen...“

„Ach was!“ Tilia drückte Bea fester, als sie selbst Schmerz in der Brust verspürte. „Mein Vater ist noch auf der anderen Seite des Meers.“, flüsterte sie.

„Es tut mir leid.“, erwiderte Bea. „Tu ich dir weh?“, fragte sie sorgenvoll.

„Nein. Du bist nur nicht so weich zu umarmen, wie man es bei einer schmächtigen Gestalt wie dir gedacht hätte.“, sagte Tilia. „Kannst du nicht auch allein aufbrechen und dir den Abschluss holen?“

Bea löste sich langsam von ihr, wischte sich die Augen und nickte. „Ja. Das sollte ich. Ihr Beide seid ein Zeichen.“, sprach sie zuversichtlich. Sogleich sah sie sich zwischen ihren Büchern um und sortierte. Viel Papier hatte Schimmel angesetzt.

„Ich muss mindestens seit einem Jahr nicht mehr in Elfengestalt gewesen sein.“, murmelte Bea vor sich hin. Sie fand einen Rucksack und noch einiges an Hab und Gut, das nicht direkt mit Wissen zu tun hatte. Ein wenig Kleidung, ein Kompass, ein Teddybär und eine Federtasche landeten in Beas Gepäck. Nun stand sie nachdenklich vor all ihren Büchern und selbst verfassten Schriften. 

„In Elfengestalt habe ich immer hier gesessen und bei Kerzenlicht gelernt. Fast alle meiner Blöcke habe ich vollgeschrieben.“ Sie nahm einen hervor, blätterte hindurch und packte ihn ein. „Dort sind die Xardaschen Worte notiert, die mir schwer fallen.“ Ein Wörterbuch wollte Bea noch mitnehmen und dann dachte sie wieder eine Weile nach. „Obwohl ich so lang nicht mehr hier unten war, scheint mir der ganze Stoff, den ich mir angeeignet habe, noch ganz nah zu sein. Ich denke, den Rest lasse ich hier.“ Sie griff nach einem vollgestopften Hefter und zeigte ihn Tilia. „Schau mal, ich habe zur Mathematik ein Buch geschrieben: für Menschen. Damit ihr bald auch Abschlüsse in unserem Land machen könnt!“

Tilia lächelte, „Das hat dir bestimmt geholfen, den Stoff zu verstehen.“

„Sicher.“ Bea sah sich wehleidig um und seufzte. „Ich muss das alles zurück lassen...“, murmelte sie traurig.“ 

Tilia legte ihr die Hand auf die Schulter. „Mit leichtem Gepäck reist es sich leichter.“, sprach sie. „Ich lass dich kurz allein, dann kannst du dich verabschieden.“

Bea nickte.

 

Als Tilia nach oben stieg, sah ihr Attila erwartungsvoll entgegen. „Was war denn?“, wollte er wissen. 

„Ihr Vater wollte sie abholen, um sie zu den Prüfungen zu bringen. Jetzt hat sie die Termine verpasst.“

„Um wie viel?“

„Drei Jahre.“

„Oh.“

„Jetzt packt sie ihre Sachen.“

„Heißt das, sie wird in die nächste Stadt aufbrechen?“, fragte Attila.

„Ich vermute es.“, erwiderte Tilia.

„Dann kann sie uns mitnehmen und aus dem Wald führen.“, Attila drückte Tilia vor Freude.

„Wir haben unglaubliches Glück.“, flüsterte Tilia.

„Bei so viel Unglück wird es auch Zeit.“, murmelte Attila. 

So blieben sie Arm in Arm sitzen und aßen die letzten Früchte auf, während sie auf Bea warteten. 

 

Bea warf einen vollen Rucksack durch den Spalt nach oben und folgte selbst. In den Händen hielt sie ein paar Kleidungsstücke. 

„Tilia, deine Sachen sind noch immer leicht durchnässt und du scheinst keine Wechselsachen zu besitzen...“

„Ja, wir sind jetzt endgültig mittellos.“, warf Attila ein.

„Mitte-los?“, wunderte sich Bea.

„Mittellos, das heißt, dass man keinen Besitz hat.“, erklärte Tilia.

„Ah, danke. Wieder ein neues Wort!“, Bea lächelte. „Möchtest du Sachen von mir anziehen? Deine Kleidung können wir bestimmt unterwegs waschen.“ Sie sah Attila an. „Für dich habe ich leider nichts.“ Er winkte ab.

Tilia nahm ihr dankbar die Sachen ab. „Das ist wirklich sehr nett von dir!“, sagte sie und sprang noch einmal in den unteren Raum der Höhle, um sich umzuziehen. Bea legte ihren Rucksack ab und wies Attila, hier zu warten, während sie nach draußen ging. Als sie wiederkam, trug sie einen riesigen Stein, den sie kaum mit beiden Armen umschlingen konnte. Die frisch umgezogene Tilia und Attila sahen sie mit großen Augen an.

„Soll ich dir helfen...?“, setzte Attila an, doch Bea lachte nur.

„Ich bin eine Bärin!“ Den Stein legte sie auf den Spalt, der nun vollkommen verdeckt war.

„Sowas kann ich nicht mehr machen, wenn ich erst wieder zwischen Elfen bin.“, bedauerte sie. Sie nahm Tilias alte Kleidung und packte sie vorerst in ihren Rucksack. Bea sah die beiden Menschenkinder erwartungsvoll an. „Seid ihr bereit?“

„Natürlich.“

„Wunderbar.“, Beas Blick richtete sich auf den Höhlenausgang, wo ihr grün gefärbtes Tageslicht entgegenkam, das sich in ihren Augen spiegelte, und ging voran.

 

Beas Kompass folgend wanderten sie Richtung Norden. Attila fing mit einer seiner vielen Fragen an:

„Also gehe ich richtig in der Annahme, dass man einen Elfen, der sich in einen Bären verwandeln kann, selten trifft? Du sagtest, du dürftest so etwas, wie Findlinge allein tragen, in der Öffentlichkeit nicht tun.“

„Dierelfen werden geächtet, wie manche Elfen die Menschen verachten. Nur ist der Hass auf Dierelfen viel älter. Die Elfen sind stolz darauf, dass sie der Natur überlegen sind. Die Alben waren ja deswegen die Herrscherklasse, weil sie sich vom größten Naturgesetz losgesagt haben: dem Tod. Das war ein Maß für ihre Klugheit. Jemand, der sich freiwillig in ein dummes Tier verwandelt, gibt alles auf, was seine Rasse edel macht. Solche wie ich wurden unter der Herrschaft der Alben geächtet, Neros große „Veredelung“ der Elfen hätte uns fast augerottet.

Mein Vater und seine Kinder waren eine der letzten elfischen Bärenfamilien. Während der Jahre vor dem Ende der Alben lebten wir als Bären im tiefen Wald. Nachdem die roten Flaggen über den Städten im Westen wehten, kamen wir hervor. Vater dachte, man würde Wesen wie uns bald akzeptieren, doch er irrte sich. Der Hass war noch immer da und so hielten wir unsere Fähigkeit geheim. Als es ans Licht kam, bin ich hier her gekommen, um eine Weile unterzutauchen. Aber ihr scheint auch ein Geheimnis vor dem Rest Geddons zu haben, oder was macht ihr sonst hier?“

Attila und Tilia sahen sich lang an. „Was du gerade erzählt hast, macht dich zu der Ersten, der ich das verraten würde.“, sprach er. „Doch dafür gibt es keine Worte...“

„Wir müssen es ihr sagen.“, warf Tilia ein. „Es muss ans Licht kommen. Wir müssen die anderen Menschen warnen...!“

„Ich kann es nicht.“, sagte Attila. „Dieser Horror...“

Bea schaute sie sorgenvoll an. „Wovon redet ihr?“

„Als wir in deine Höhle kamen, flohen wir vor den Waldelfen, die ihre Städte in den Wipfeln der Bäume haben. Sie...“, Tilias Stimme versagte.

„Ist schon gut.“, beruhigte Bea sie. „Wir sind nördlich sämtlicher Dörfer der Waldelfen – zumindest war das so, als ich hergekommen bin. Aber selbst, wenn wir einen treffen. Ich bin stark und du, Tilia, bist doch Magierin, oder? Ich erinnere mich, dass du einen Stein zum leuchten gebracht hast.“

Tilia nickte.

Bea lächelte sie an, um das Grauen, dass gerade auf ihnen lag, zu vertreiben. „Wenn es dunkel wird und wir rasten, musst du mir das noch einmal zeigen!“

„Das werde ich.“, versprach Tilia.

Schweigend wanderten sie weiter. Wenn Bea etwas Essbares fand, verspeisten sie es sogleich, manchmal tranken sie von Wasser, das sich in kelchförmigen Blüten gesammelt hatte. Die Frage, was den beiden Menschen zugestoßen war, ließ Bea aber nicht los.

„Hat es etwas damit zu tun?“, fragte sie schließlich und zeigte auf die flächige Narbe, die einen großen Teil Tilias linker Gesichtshälfte ausmachte.

Sogleich fuhr Tilia mit den Fingern über die gewellte Haut auf ihrer Wange. „Nein.“, sagte sie. „Das ist viel älter und hat nichts mit euch zu tun.“

„Mit uns?“; fragte Bea verwirrt.

„Mit den Elfen. Mit Geddon. Das war noch bevor wir aus Xarda fliehen mussten. Bevor wir überhaupt wussten, dass es euch gibt.“

„Oh.“, machte Bea. „Entschuldige, ich glaube, ich war sehr unhöflich.“

„Ist schon gut.“, erwiderte Tilia.

„Aber unhöflich war es schon.“, merkte Attila an. 

Tilia warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Was denn? Sie will nach Jahren wieder in die Gesellschaft zurück kehren, da sollte sie wissen, was unhöflich ist.“, rechtfertigte er sich.

Bea musste lachen. „Da hast du wirklich recht! Da fällt mir ein, ich kenne deinen Namen noch gar nicht. Oder habe ich ihn vergessen?“

„Du hattest mich noch nicht gefragt. Ich heiße Attila.“

„Ah. Ich muss unbedingt üben, mir Namen zu merken! Das fand ich schon früher schwer.“

Bea blieb stehen und schnüffelte misstrauisch. Ihr skeptischer Blick wandte sich nach oben. Attila und Tilia taten es ihr gleich und entdeckten ein hellblaues Leuchten zwischen den Blättern über ihnen. 

„Diese Blüten habe ich bei den Waldelfen gesehen.“, erinnerte sich Tilia. „Sie schmückten das ganze Dorf, das in den Baumwipfeln lag.“

„Das ganze Dorf?“, fragte Bea erstaunt. „Ich wusste, dass sie diese Pflanze nutzen, doch dass sie sie in solchen Massen züchten? Wir sollten weiter.“

Tilia und Attila nickten.

„Könnt ihr den süßen Geruch der Blüten riechen?“, wollte Bea wissen.

„Nein, aber ich erinnere mich daran, wie es in dem Dorf gerochen hat.“

„Die Pflanze ist sehr giftig. Nicht einmal alle Alben sind gegen den Giftstoff immun. Die Waldelfen reiben damit ihre Pfeilspitzen ein.“

 

Als die Nacht sich über den Wald legte, erleuchtete Tilia ihnen wieder den Weg. Langsam lichtete sich der Wald und während sie zwischen den Blättern immer wieder das Funkeln der Sterne sahen, suchten sie eine Lichtung, auf der sie ein Feuer machen und rasten konnten. 

Bea bewunderte Tilias Licht. Sie hatte die Menschen schon immer um ihre Magie beneidet. Elfen hatten zwar Fähigkeiten, die Menschen nie haben würden, doch Bea würde alles dafür geben, Licht im Dunkeln machen zu können. Als sie zur Ruhe gekommen waren und an dünnen Stöcken aufgespießte Echsen über dem Feuer brieten,  berieten sich Attila und Tilia flüsternd, ehe sie sich an Bea wandten.

„Wir glauben, es ist das Beste, wenn wir dir verraten, was uns bei den Waldelfen zugestoßen ist.“, leitete Attila ein. „Aber wenn du uns nicht glaubst, so soll es mir auch recht sein. Wichtig ist nur, dass wir es irgendwie schaffen, die anderen Menschen zu warnen.“

„Dafür müsst ihr zurück an die Westküste. Vielleicht sogar über den Pass bis nach Occides.“, vermutete Bea. „Dabei seid ihr schon so weit gekommen.“

„Ich glaube nicht, dass außer uns jemand von dort entkommen konnte. Also müssen wir es tun.“

„Bea, du kennst die Situation außerhalb dieses Waldes nicht.“, vermutete Tilia. „Die Menschen kommen in Scharen an der Küste Occidas an, weil der Himmel über uns zusammenbricht in Faunra. Attila und ich waren mit die ersten, die in Not nach Geddon kamen – wir hatten es noch relativ gut!“

„Ich dachte, die Menschen wären längst übergesiedelt!“, empörte sich Bea. „Warum seid ihr auf Faunra geblieben? Es war doch klar, dass dort weder Elf noch Mensch lang leben können.“

„Die Menschen, die vor acht Jahren her kamen, haben versucht, die Elfen darauf einzustellen, dass unsere Art einen Platz auf diesem Kontinent finden muss. Doch die meisten Elfen sehen hier keine Zukunft für uns. Unsere Magie macht ihnen Angst.“

„Und dann wollen sie eure Art aussterben lassen?“, Bea sprang auf vor Wut. „Ich hasse Alben!“, brüllte sie.

„Das sind nicht die Alben...“, setzte Attila an, doch Bea ließ sich in ihrer Wutrede nicht unterbrechen.

„Doch, das – und genau das – sind die Alben. Ihre Denkweise haben sie dem ganzen Volk über ein Jahrtausend lang beigebracht. Die Revolution hat die meisten vertrieben und getötet und nur wenige sind geblieben, die, die auf die Herrschaft verzichteten. Doch haben wir uns auch von ihren Gedanken gelöst? Nein. Es gilt noch immer das Recht des Stärkeren und das musste ich auch am eigenen Leib spüren.“ Bea starrte in den klaren Himmel, als wolle sie die Sterne anklagen. „Wenn eine Art so schwach ist, dass sie sich ausrotten lässt, so verdient sie es auch nicht, am Leben gelassen zu werden.“, sprach sie. „Dann ahne ich auch, was die Waldelfen mit euch vorhatten.“

„Als so viele Menschen auf einmal kamen, verschlossen die Elfen nicht die Tore vor uns.“, erzählte Attila. „Aber sie waren damit überfordert, uns unterzubringen und zu ernähren. Alle Menschen kamen zuerst auf Occida an. Gerade ein Land, das zu den ärmeren gehört. Wir waren schon froh, als man beschloss, die Menschen über den Pass aufs Festland zu lassen. Die Waldelfen boten Platz und Arbeit an, sie forderten nur, dass kein Magier zu ihnen kam.“

Tilia klammerte sich an Attilas Arm. „Ich hätte mich nie als Magierin bezeichnet. Ein bisschen Licht ist alles, was ich kann. Und ich wollte bei Attila bleiben, also sind wir zusammen mit einem Zug Menschen in den Wald gezogen, wo die Waldelfen uns begrüßten. Sie zeigten uns die Gebäude, die sie in den Baumwipfeln gebaut hatten. Sie trennten uns auf, Attila und ich durften zusammen bleiben, es wirkte alles sehr nett, obwohl wir uns kaum mit ihnen verständigen konnten.“ Tilia machte eine Pause. „In der Nacht wachten wir auf vom Geschrei...“

„Sie mordeten.“, sagte Attila.

„Und sie fraßen.“, flüsterte Tilia.

Bea war so wütend, dass ihr die Stimme versagte. Sie wusste gar nicht wohin mit all dem Hass, der gerade in ihr aufstieg. Sie stellte sich vor, wie sie den ganzen Weg zurück ins Zentrum des Waldes gehen und so viele Waldelfen mit in den Tod reißen würde, wie sie konnte.

„Wie gesagt, ich bin keine Magierin.“, sprach Tilia mit brüchiger Stimme. „Aber als sie zu uns kamen und ich mir vorstellte, was sie Attila antun würden, da brach es aus mir heraus. Ich verbrannte ihre Haut. Und ohne uns weiter umzusehen, nahmen wir uns das nächste Seil und ließen uns in die Dunkelheit hinab. Dann rannten wir...“

„Du hast sie verbrannt. Gut.“, sprach Bea voller Genugtuung dabei erkannte sie ihre eigene Stimme nicht wieder. „Elfen können keine magischen Wunden heilen. Die Narben werden ihnen ein Leben lang erhalten bleiben und wenn ich einen von ihnen einst erkenne, dann...“

Attila und Tilia schweigen. 

Bea dachte nach. „Ihr solltet erst weit nach Westen kommen, ehe ihr anderen Elfen sagt, was ihr wisst.“

„Ja, das habe ich mir schon gedacht.“, erwiderte Attila.

„Ich werde mit euch zur nächsten Stadt wandern und dort dafür Sorge tragen, dass ihr alles bekommt, was ihr braucht.“, versprach Bea. Sie starrte ins Feuer. „Auf Geddon gibt es unzählige Rassen, sechs Sprachen und viele Dialekte, die so unterschiedlich sind, dass man sich auf eine Sprache einigen muss. Alba nahm diesen Platz für die letzten Jahrhunderte ein, doch die wollen wir doch nicht mehr sprechen, oder? Haben die Elfen denn wenigstens das eingesehen? Dass es am klügsten wäre, eure Sprache zu lernen?“

„In den Provinzen spricht kaum jemand Xarda, doch in den Behörden und größeren Städten konnten wir uns ganz gut verständigen.“, erzählte Attila.

„Ich habe gehört, dass gerade gebildetere Elfen unsere Sprache lernen, weil viele unserer Bücher für die Elfen gedruckt werden, aber noch nicht übersetzt wurden.“

Bea lächelte zufrieden. „Darauf hatte ich gehofft.“

„Warum bist du so begeistert über unsere Sprache?“, wollte Tilia wissen. „Du beherrschst sie ja wirklich ausgezeichnet, obwohl du seit Jahren keinen Menschen gesehen hast.“

„Es ist nur so, dass ich mit Alba nicht so gut klar komme.“, gestand Bea betrübt. „Es gibt in der Sprache einen Laut, den ich nicht machen kann. Es ist wie... lispeln in eurer Sprache. Ich war immer das Dummchen, das nicht richtig reden konnte. Als ich die Sprache der Menschen studierte und merkte, dass dieser Laut darin nicht vorkommt, wollte ich nur noch diese Sprache sprechen. Ich hoffe, irgendwann wird genau das möglich sein.“

„Ich denke, wenn du in eine große Stadt ziehst, kann dieser Wunsch in Erfüllung gehen.“, sagte Attila.

Bea nickte nachdenklich. Schließlich legte sie sich neben das schwächer gewordene Feuer und starrte in die Glut. Auch Attila und Tilia legten sich hin. Bea schloss die Augen und träumte von ihrer Zukunft.

Comments (5)

  1. demo at 13.12.2016
    demo
  2. PixelJoker at 18.12.2016
    Das ist das Besteste, was ich jemals gelesen habe - weine immer noch *schluchtz*
  3. Paradocon at 18.12.2016
    whoohoo
  4. orbion at 19.12.2016
    MacMarcfanboy96 ist back in business
  5. orbion at 23.01.2017
    Das geht so nicht. Ich kenne keinen dieser Namen.
    -Danke