Bea und die Wölfe


Aurora I

Seit Jahrtausenden bevölkerten Elfen den Kontinent Geddon. Wo sie herkamen, oder woraus sie entstanden waren, wussten sie nicht. Die erstaunlichen Fähigkeiten, die sie entwickeln konnten und die uralte Magie, die aus tiefen Seen, dem Eis auf Bergspitzen und dunklen Wäldern hervorquoll, lieferte aber mehr als genug Stoff für allerlei Mythen. Nahezu jedes noch so kleine Volk Geddons hatte seine eigene Theorie über Urgewalten und den Platz der Elfen in der Welt. Manche gaben sich mit sich langsam entwickelnder Landwirtschaft zufrieden und beteten zu ihren Göttern, dass die Ernte über den Winter nicht verdarb. Andere gingen enge Bünde mit der Natur ein und wanderten tief in den Wald Arbrarith, der sich über einen großen Teil des Kontinents erstreckte. Doch Ehrgeiz fehlte den meisten dieser sich langsam entwickelnden Rassen. Elfen waren dazu in der Lage, ihren Körper zu verändern und Hochelfen entwickelten als erste die Willenskraft und Ausdauer, dies zur Perfektion zu treiben. Sie härteten ihre Haut, verschönerten ihre Gesichter und speicherten so viel Kraft in den Muskeln ihrer schlanken Leiber, dass ihnen bald keine andere Rasse mehr etwas entgegen zu setzen hatte. Die Mythologie der Hochelfen war ganz einfach: Der Schwächere unterlag stets dem Stärkeren – so war es schon von Anbeginn der Zeit gewesen. Und wer nicht sterben oder zumindest knien wollte, sollte sich bemühen, der Mächtigste zu sein.

Während die Hochelfen also durch den Kontinent streiften und sich die jeweils Schwächeren zu Untertanen machten, herrschte zwischen ihnen eine klare Hierarchie. Das Alter eines Elfen, musste, da waren sie sich sicher, im direkten Zusammenhang mit seiner Weisheit und Stärke stehen. Somit war der älteste Elf stets ihr Herrscher, allerdings wechselte diese Person ständig. In den Jahren, in denen Aurora geboren wurde, kämpfte sich ein Elf namens Aaron an die Spitze der Hochelfen, der mit etwas mehr Intelligenz ausgestattet war, als seine Vorgänger. Er hortete seine potentiellen Nachfolger eng um sich – um sie im Auge behalten zu können. Und seine Herrschaft sollte tatsächlich einige Jahrhunderte währen. 

Zu dieser Zeit entwickelte sich auch ein Begriff für jene Elfen, die ihre Lebensspanne und ihre Macht ganz besonders erweitert hatten: Alben. Dies bedeutete so viel wie Halbgott. Und obwohl die Geheimnisse, wie man zu einem Alb wurde, von Aaron und seinem Gefolge gut gehütet wurden, gab es doch ein paar Elfen aus namenlosen Familien, die zu Alben wurden. Aurora war eine davon.

Eintausend Jahre nach ihrer Geburt war sie nach Aaron der älteste lebende Alb und gemeinsam mit Nero, ihrem ebenso schlauen wie machthungrigen Mann, hatte sie den ersten erfolgreichen Putsch seit tausend Jahren angeführt. Nun standen sie auf der weiten sandigen Ebene an der Westküste des Kontinents und sahen den Schiffen Aarons und seines Gefolges nach, die auf den weiten unerforschten Ozean hinaus segelten und niemals wiederkehren würden.

„Wieso Schiffe?“, fragte Aurora erneut. „Wieso haben wir sie nicht einfach getötet?“

„Wir hätten unser Leben aufs Spiel setzen müssen, um gegen all diese Alben zu kämpfen.“, antwortete Nero. 

Aurora schnaubte verächtlich. „Mein Leben nicht.“

Nero erwiderte nichts und Aurora beobachtete, wie die weißen Segel am Horizont verschwanden, ehe sie sich ihm zuwandte.

Er sah sie mit warmen Blick an.

„Du hältst dich für unsterblich, oder, Aurora?“

Das war eine merkwürdige Frage. Aurora versuchte, seinen Blick zu deuten. Sie kannte ihn schon sehr sehr lang, doch auf Jahrzehnte ihrer Liebe waren Jahrhunderte der Entfremdung gefolgt. In seinen Augen, die weiß waren wie die ihren, lag schon lang etwas, das sie nicht einordnen konnte. Jetzt leuchtete es stärker aus ihnen, als je zuvor. 

„Ich bin jetzt der älteste Alb Geddons.“, sprach Aurora.

„Die älteste Albin.“, betonte er. Plötzlich wandten sich auch die anderen Alben dem Gespräch zu, es waren etwa zwei Dutzend, die bei diesem Putsch mitgeholfen hatten. Es waren ausschließlich Männer.

„Und keinem von uns gefällt das.“, sprach Nero, während die Alben einen Kreis um sie schlossen. „Zumal sie glauben, mich eher töten zu können, als dich.“

Der Verrat brachte Aurora nicht aus der Verfassung. Sie spuckte vor Neros Füße, griff wahllos nach der Kehle einer der Männer und riss sein Fleisch auseinander, als wäre es Watte. 

„Du kannst mich nicht töten.“, fauchte sie. „Keiner von euch kann das! Meine Haut ist härter als Stein...“

Nero hörte ihr gar nicht zu. Seine Hand hielt plötzlich etwas Dunkles. „Keine Sorge, Schönheit.“, sagte er leise. „Auch dich werde ich nicht töten.“

Plötzlich spürte Aurora eine Schwärze in ihrem Bauch, die sich rasend schnell ausbreitete und ihr Bewusstsein hinwegfegte.

Seit Aurora ihre Haut verändert hatte, konnte sie nichts mehr fühlen. Ihre Umwelt musste sie durch Hören, Riechen und Sehen wahrnehmen. Es rauschte. Es roch nach Salz. Aurora öffnete die Augen und sah Sand. Ihr Blick hob sich und erfasste Nero, der vor ihr saß und sie betrachtete.

„Setz dich.“, forderte er sie auf und Aurora tat es. Sie merkte, dass ihre Kleidung mit Meerwasser vollgesogen war. Hinter Nero sah sie das Land, den Kontinent, auf dem sie über tausend Jahre lang gelebt hatte. Ihr Bauch brannte. Aurora fand dunkle Flecken auf ihrer sonst perfekten Haut.

„Was hast du mit mir gemacht?“, wollte sie wissen.

„All die Jahrhunderte hast du dir alles Wissen angeeignet, das du auffinden konntest und alle Stärken in dich aufgenommen. Nur eins hast du gemieden. Das, was dich zur Elfe macht.“

„Eisen.“, sprach Aurora. „Du hast... Es mit bloßer Hand angefasst!“

„Ja.“ Nero holte das Stück hervor, mit dem er Aurora überwältigt hatte. Es sah aus wie ein Stein, doch die rötliche Färbung verriet die tödliche Wirkung, die es auf Elfen aller Art hatte.

„Das ist nur Eisenerz, doch du reagierst ganz besonders stark darauf.“

„Natürlich.“, zischte Aurora. „Eisen ist Tod und je älter ich werde, desto mehr wird er nach mir greifen. Du hast dich mit dem Tod verbündet!“

Nero lächelte. „Während du zum stärksten Alb Thetas wurdest, habe ich mich an die Gegenwart und schließlich auch an die Berührung von Eisen gewöhnt. Ja. Eisen ist jetzt mein Verbündeter.“

„Warum?“, Aurora starrte fassungslos auf die Hand, die das Eisenerz hielt und wartete darauf, dass sich dunkle Flecken auf ihr bildeten, doch Neros Haut blieb unversehrt. „Hast du den Tod in deinen Körper geholt, nur um mich besiegen zu können?“

„Nein.“ Nero stand auf. „Ich habe nur mit mir experimentiert. Und als ich herausfand, dass es funktioniert, wusste ich, dass ich Geddon verändern kann. Dass ich unsere Rasse zur Herrscherrasse über ganz Theta erheben kann...“ Er winkte jemandem zu. „Aurora, dich besiegen zu können, war nur ein winziger Nebeneffekt. Ich hätte dich auch gern hier behalten – an meiner Seite. Doch das Risiko, dass du mich aufhältst, ist zu groß. Ich brauche dich woanders.“

Aurora sah, wie jemand eine Elfe zu ihnen brachte. In ihren langen braunen Haaren waren auch schon die ersten weißen Strähnen. 

„Shey.“, flüsterte Aurora. Sie hatte ihre Tochter seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Sie war noch immer wunderschön, doch ihr feines Gesicht trug mehr Sorgen, als sie es ertragen konnte.

Als Aurora sie sah, rührte sich etwas in ihr, das fast in Vergessenheit geraten war. „Lässt du mich Abschied von ihr nehmen?“

Nero wirkte überrascht. „Oh. Ja natürlich.“

Er legte seine Hand auf Sheys Schulter, lächelte ihnen zu und ging, um in weiter Entfernung, jedoch in Sichtweite, zu warten.

Aurora blieb, wo sie war, während Shey sie betrachtete. Halb im Wasser sitzend. Sie musste einen besiegten Eindruck machen und das wollte sie, denn bevor sie ging, wohin auch immer Nero sie schicken würde, wollte sie, dass Shey ihr verzieh.

„Mutter.“, sprach Shey. „Ich werde dir nie verzeihen, was du getan hast. Ich versuche stets, deine Beweggründe zu verstehen, doch im Herzen werde ich es immer verachten. Doch ich werde auch immer wissen, dass du mich geliebt hast. Liebst du mich heute noch?“

Aurora stand auf. „Das tue ich.“, sagte sie.

Shey griff nach ihrer Hand und hielt inne. „Nein. Du lügst. Du hast Lieben aufgegeben, um Macht zu erlangen. Und du hast mich aufgegeben.“

Aurora wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.

„Ich nehme Abschied von dem, was von meiner Mutter übrig ist.“, Shey umarmte Aurora. Für einen Moment drückte Aurora den Körper der schönen Elfe an sich und fragte sich, was ihr früheres Ich dabei empfunden hätte. Ob Sheys langes Haar sie gekitzelt und wie weich sich wohl ihre Haut angefühlt hätte.

Shey löste sich von ihr. 

„Was hat Nero vor?“, wollte Aurora wissen. „Er wirkte nicht, als hätte er dich hergebracht, um uns einen Abschied zu ermöglichen.“

„Nein.“, bestätigte Shey. „Er will dir zeigen, wie er die Elfen und Alben Geddons verändern will...“

„Euch verändern...“ Aurora starrte Nero entgegen, der zu ihnen zurück kam. Auch wenn sie oft getrennte Wege gegangen waren, hatte sie über die Jahrhunderte viel Zeit mit ihm verbracht. Und igrendwie hatte sie schon eine vage Vorstellung davon, was er vorhatte.

„Shey.“, Nero hielt seine Hand offen und Shey legte die ihre in seine. Nero umfasste das Eisenerz mit seiner anderen Hand und ließ es über Sheys Haut schweben. Aurora biss ihre Zähne zusammen. Sie fragte sich, ob sie Nero überwältigen konnte, doch sie wusste, dass es aussichtslos war. Allein die Gegenwart des Eisens schwächte sie schon. Nero ließ das Eisenerz über Sheys Haut streichen. Es hinterließ einen schwarzen Streifen. Shey tat nichts. Auroras Fingernägel bohrten sich in die Haut ihrer Hände.

Nero setzte ab, begann an einer anderen Stelle von Sheys Arm und zeichnete eine weitere Narbe in ihre Haut. Tränen flossen über Sheys Wangen, doch sie hielt still. Wieder setzte Nero das Eisen an einer unberührte Stelle der Elfe.

„Hör auf!“, brüllte Aurora. 

Nero ließ sich nicht beirren.

„Siehst du nicht, dass es sie stärker macht? Bald wird sie Eisen berühren können. Und wenn sie es nicht schafft, dann bestimmt ihre Kinder.“

„Mit jeder Berührung verringerst du ihre Lebenserwartung-“, setzte Aurora an und Nero unterbrach sie.

„Genau. Dadurch kommen schneller neue Generationen, schneller Elfen, die Eisen vertragen. Generation für Generation mehr von ihnen... Und dann...“

Nun funkelte es in seinen Augen. „Dann haben die Zwerge uns nichts mehr entgegen zu setzen.“

„Yarra.“, jetzt verstand Aurora. „Du willst in den Norden einfallen.“

„Ja. Nur das Eisen konnte uns bisher von ihnen fernhalten. Wenn wir diese Schwäche überwunden haben, vertreiben wir die Zwerge von ihren Feldern in ihre Minen, wo sie für uns schürfen werden, um nicht verhungern zu müssen. Der Reichtum der Erde wird dann unser sein.“

„Du opferst die Erhabenheit der Elfen für Gold und Silber?“

„Ich nehmen den Elfen ihre letzte Schwäche. Damit uns nichts mehr töten kann. Damit wir wirklich ewig leben und alles wissen können.“, erwiderte Nero. Er legte das Eisenerz in Sheys Hand und drückte ihre Finger darüber zusammen. Shey schrie. Aurora stürzte sich auf Nero und warf ihn zu Boden. Sie war kurz davor, ihm den Schädel einzuschlagen, doch einem Fingerzeig von ihm folgend sah sie nach oben und erblickte einen Elfen, der mit einer Armbrust auf sie zielte. Die Spitze des Bolzen war aus Eisen. 

Bumm.

Etwas pochte.

Aurora spürte, was sie seit Jahrhunderten nicht gespürt hatte. Es war viel lauter, als sie es in Erinnerung hatte. 

Bumm.

In diesem Moment, in dem sie die Entscheidung treffen musste, zwischen ihrem Leben und der Möglichkeit, Nero zu töten und das Leid ihrer Tochter zu verhindern, begann ihr Herz wieder, zu schlagen.

Bumm.

Aurora wollte Leben.

Sie stand auf und ließ von Nero ab.

Während er sich langsam aufrichtete, betrachtete Aurora ihre Tochter. Sie hielt noch immer das Eisen in der Hand, ihr Körper bebte und  ihre Lippen hatte sie sich blutig gebissen. Aurora wischte Sheys Wangen trocken und umarmte sie. Als Shey Auroras Herzschlag spürte, schnappte sie nach Luft. 

„Lebe.“, flüsterte Aurora.

„Du auch.“, erwiderte Shey. 

Sie lösten sich und Aurora wandte sich an Nero.

„Ich überlasse Geddon dir. Nur lass mich nicht mit ansehen, was du meiner Tochter antust.“

Nero lächelte. „Vergiss nicht, es ist auch meine Tochter. Aber du musst es nicht miterleben. Ich werde mit ihr jeden Tag herkommen. Sobald du beschließt, zu gehen, brauchst du es nicht mehr mitansehen.“

„Zu gehen?“, wiederholte Aurora fragend. „Wohin?“ Sie folgte Neros Blick und wandte sich um. Vor sich sah sie die endlosen Fluten des Ozeans.

Langsam verstand sie. Wieder drehte sie sich zu Nero. Er wusste, dass sie nicht schwimmen konnte.

„Ich sehe kein Schiff.“

Nero nickte.

„Ich möchte, dass du läufst.“, sprach er. „Und wenn du am anderen Ende Land findest, sollst du mir von dort Nachricht geben. Darüber, was du dort unten gefunden hast und darüber, welche Kontinente sich noch auf Theta befinden.“

Nero fasste Sheys Hand und zog sie sanft mit sich. „Derweil wird er auf dich aufpassen.“, sagte er und klopfte dem Elfen, der die Armbrust trug, auf die Schulter.