Bea und die Wölfe


Bea II

Auch Wochen nachdem sie aus dem Wald gekommen war, hatte Bea noch nicht das ganze Ausmaß der Veränderungen erfasst, die sie verpasst hatte. Bea teilte ihr Abteil mit einer Mutter und zwei bezaubernden jungen Mädchen, die mit einer Box spielten, aus der Musik kam. Bea hatte sich kurz zuvor ein Buch besorgt, das die wichtigsten Erfindungen der Menschen zusammenfasste und konnte nachlesen, dass es sich dabei um ein Radio handelte – ein Gerät, dass elektromagnetische Signale empfangen und in Schallwellen übersetzen konnte. Je nach Frequenz konnte das Gerät einen anderen Sender empfangen – in den Städten hatten sie Auswahl zwischen bis zu zehn Sendern, dazwischen gab es von Zeit zu Zeit gar keinen Empfang. Dann sangen die beiden jungen Mädchen, denen das Radio gehörte, ihre Liebslingslieder mit geratenen Texten. Nachrichten und Kommentare tönten in Alba aus dem Radio, die meisten Lieder aber stammten von Menschen, wie Bea bemerkte. Also hatte auch die Musik der Menschen die Elfen überzeugt. Vielleicht war es die kurze Lebensspanne, die die Menschen dazu bewegte, ganz besonders lebendige und emotionale Lieder zu schreiben. Kaum ein Lied von Elfen konnte einen so zum Tanzen und Mitsingen animieren. Die Mädchen zumindest, sie waren vielleicht fünf und sieben Jahre alt, feierten die Lieder der Menschen, obwohl sie die Texte nicht verstehen konnten. 

Bea merkte beim Umsteigen, dass die Mutter mit ihren Kindern ebenfalls nach Chryssa unterwegs war, der Metropole, von der aus es nicht mehr weit war nach Raesch, wo Bea studieren und leben wollte. Sie setzte sich wieder zu ihnen und diesmal begannen die Mädchen, sie anzusprechen. Sie fragten Bea, ob sie ihnen die Texte der Lieder übersetzen konnte, da ihre Mutter nur Alba sprach.  Bea versuchte ihr Bestes, das Gehörte aus dem Radio zu verstehen und auf Alba wiederzugeben. Schließlich holte die ältere Schwester ein Buch hervor, in dem Texte von besonders beliebten Menschenliedern abgedruckt waren. 

„Kennt ihr denn die Melodie zu diesen Liedern?“, wollte Bea wissen.

„Klar!“, prahlte das Mädchen und ihre Schwester nickte gehorsam. Wahllos schlug sie eine Seite auf, erkannte in den Buchstaben des Titels ein bekanntes Muster und summte begeistert eine Melodie. Nun, Bea konnte nicht sagen, ob das Mädchen sich irrte. Sie kannte dieses Lied noch nicht, aber sie beschloss, ein wenig daraus vorzulesen und zu übersetzen.

„Wir alle sind aus Sternenstaub.“, las Bea. „In unseren Augen war mal Glanz. Wir sind noch immer nicht zerbrochen, wir sind ganz. Du bist vom selben Stern.“, Bea schluckte. „Ich kann deinen Herzschlag hör'n...“

„Und, was bedeutet es?“, wollten die Kinder ungeduldig wissen.

„Entschuldigung.“, Bea fasste sich wieder. „Es geht darum, dass wir alle... Ach, ich übersetzte es lieber Wort für Wort.“

Als sich die Fahrt dem Ende zuneigte, bedankte sich die Mutter der Mädchen bei Bea und erzählte ihr, dass sie dankbar war, dass die Mädchen über die Musik so schnell Xarda lernten. Sie selbst habe mit der Sprache große Probleme, gestand sie. Schließlich holte sie ein Buch aus ihrem Rucksack und erzählte:

„Ich habe mehrere solcher Bücher mit Liedtexten für die Mädchen gekauft, aber ich habe mich nicht sehr gut beraten lassen. Dabei ist mir das hier unter gekommen. Die Texte sind für die Kleinen noch nicht geeignet. Kannst du es vielleicht gebrauchen?“

Sie reichte Bea ein finster eingebundenes Buch. Sie schlug es auf und las wahllos eine Textzeile. „Ein kleiner Mensch stirbt. Wow, was? Okay, ich verstehe, was sie meinen.“, Bea lachte. „Ich denke, ich könnte hier aber einige neue Worte finden.“

„Wenn es dir nützt, würde ich es dir gern schenken.“

„Danke!“ 

„Nichts zu danken.“, erwiderte die Elfe.

Auf dem Bahnhof in Raesch sah Bea noch aus dem Augenwinkel, wie die Kinder ihrem Vater in die Arme fielen, machte sich aber schnell auf dem Weg. Sie musste heute noch ein Hotel finden und am besten auch noch einen Termin bei den Behörden bekommen. Sie hatte einen Brief vorausgeschickt, in dem sie um Immatrikulation und eine Wohnung bat, doch sie war sehr spät dran. Die nächsten Tage wurden für Bea sehr anstrengend. Nicht nur das Bangen um den Platz an der Universität und eine Wohnung, auch die Umstellung, plötzlich unter so vielen Elfen zu sein, machte Bea zu schaffen. Auch die Stadt, in der sie als Jugendliche gewohnt hatte, war ein Dorf im Vergleich zu Raesch. Doch auch wenn Bea sich manchmal ihre empfindliche Nase zuhielt, um von all den Gerüchen nicht wahnsinnig zu werden, war sie immer getragen von ihrer Vorfreude, in wenigen Tagen zum ersten Mal ihren Fuß in die Universität setzen zu können. Ihr bangte davor, dass für sie nur noch Wohnungen in Chryssa übrig sein könnten, der Stadt, die noch hundert mal größer war als Raesch. Als ihr eine Wohnung in Raesch angeboten wurde, schätzte sich Bea sehr glücklich. Sie ließ sich auch nicht beirren, als ihr gesagt wurde, dass sie von dort aus eine Stunde zum Campus brauchen würde. Sie packte ihre Sachen, bezahlte das Hotel und nahm die nächste Straßenbahn in den Süden der Stadt.

Bea irrte eine ganze Weile durch die Wohnblocks, die sich noch hinter der letzten Tramstation befanden, bis sie schließlich den Waldweg entdeckte, dessen Name mit der Adresse übereinstimmte, dir ihr gegeben wurde. Die meisten hätten sich an ihrer Stelle sicher geärgert, doch Bea atmete voller Erleichterung den frischen Waldgeruch ein, während sie den sandigen Weg entlang ging. Ja, sie konnte sich vorstellen, dass dieser Weg ihr sehr gut tun würde, wenn sie den ganzen Tag in der Stadt verbracht hatte. Nach etwa fünfhundert Metern Kiefernwald konnte Bea das Haus sehen, das einsam zwischen den Bäumen stand. Darin konnten bestimmt vier Familien platz finden, dachte sich Bea und fragte sich, mit wem sie ihre Küche und das Bad teilen würde.

Sie holte die Schlüssel hervor, die man ihr gegeben hatte und schloss die schwere Holztür auf. Dahinter war ein Treppenhaus, in dem es eigentümlich roch. Nicht so unangenehm, dass Bea sich die Nase halten musste, trotzdem irritierte der Geruch sie, da sie ihn auch überhaupt nicht einordnen konnte. 

Sie nahm die Treppe bis in den dritten Stock, wo sie neben der Tür zu der Wohnung, in die sie ziehen durfte, auf einem Schild den Namen Alexander las. Sie klopfte zuerst, doch da niemand antwortete, schloss sie sich selbst auf. Sie stellte fest, dass ihr WG-Kamerad nicht hier war, schaute einmal in Bad und Küche, ehe sie ihr Zimmer fand. Es war sehr schmal, ein Bett, ein Schreibtisch, ein großer und ein kleiner Schrank fanden gerade so darin Platz. Bea legte ihren Rucksack – noch immer enthielt er alles, was sie besaß – auf dem Bett ab und öffnete das Fenster, das fast die ganze Wand einnahm. Die Sonne des späten Nachmittags schien ihr entgegen. 

Nach einer Weile begann Bea, ihre Sachen auszupacken und fand heraus, dass ihr Vormieter eine Reihe Bücher im Schrank zurück gelassen hatte. Da Beas Besitz auch so die Schränke gerade einmal zur Hälfte füllen konnte, hatte sie damit nicht das geringste Problem. Da die Umschläge der Bücher allesamt dunkel und in Alba beschriftet waren, schenkte Bea ihnen keine weitere Aufmerksamkeit. Stattdessen schaute sie in die Schatulle, die ihr Vater ihr zurück gelassen hatte. Gold und Silber hatte er sie damals verwahren lassen, damit sie sich später ein neues Leben finanzieren konnte. Nun waren nur noch zwei Ketten übrig. Mit der einen würde sie hoffentlich durchkommen, bis die erste Auszahlung ihrer Studentenförderung kam. Die andere würde sie wohl nie hergeben. Es war kleines Herz an einer goldenen Kette. Man konnte ihm nicht ansehen, dass es sich dabei um ein altes Stück ihres Clans handelte. Man brauchte ein sehr scharfes Messer, um das Herz zu öffnen und im Innern das Sternbild des Großen Bären zu finden. Bea hatte die Kette in den letzten Jahren nicht getragen, da eine Verwandlung sie zerreißen würde. Nun, da sie ihre Fähigkeiten geheim halten musste, würde sie zumindest immer diese Kette tragen.

Beas Hand hielt das Herz ihrer goldenen Kette, die sie am ersten Tag trug, an dem sie zur Universität fuhr. Das beruhigte sie, während sie aus dem Fenster des Zuges den Campus näher rücken sah. Schließlich öffneten sich zischend die Türen des Zuges und Bea trat auf den Bahnsteig. Vor ihr lag Rechenberg, der naturwissenschaftliche Komplex der Universität, deren Fakultäten in der ganzen Stadt verteilt waren. Dieser hier nordwestlich, sogar leicht außerhalb der Stadt, mehrere Kilometer von Beas Wohnung entfernt. Die anderen Studenten überholten sie, während sie langsam vor sich hin wandernd einen Zettel entfaltete, auf dem ein Plan des Campus' gezeichnet war und wo sie sich notiert hatte, in welchem Raum die Einführungsveranstaltung für die Mathematik-Lehrämtler stattfinden würde. Zu der Veranstaltung der Physiker hatte sie es nicht geschafft – immerhin war sie froh, noch rechtzeitig eine Wohnung gefunden und eine außerordentliche Immatrikulation bekommen zu haben. 

Bea schielte in den Raum, dessen Nummer sie sich notiert hatte. Es war ein Vorlesungssaal, groß genug für zweihundert Studenten – und noch fast unbesetzt. Nur ein junger Mann saß dort und aß ein reich belegtes Brot. Als Bea eintrat, schluckte er und schien eine Weile zu zögern, ehe er das Wort ergriff. In dieser Zeit wollte auch Bea etwas sagen, doch plötzlich wusste sie nicht, in welcher Sprache sie ihn begrüßen sollte. Sprach sie Xarda, könnte es merkwürdig sein, doch auf Alba lispelte sie so schrecklich...

„Auch ein bisschen verfrüht hier, was?“, sprach der Junge und nutzte dabei die Sprache der Menschen. Sogleich hellte sich Beas Gesicht auf.

„Ja, ich hatte Angst, den Zug zu verpassen, also habe ich eingeplant, einen früher zu nehmen.“ Bea war so erfreut darüber, dass der Junge in Xarda mit ihr sprach und, trotz eines gut erkennbaren Akzents, dabei sogar ein Wort wie „verfrüht“ genutzt hatte, dass sie sich direkt neben ihn setzen wollte. Er wiederum schien auch positiv überrascht darüber, dass sie ihm so fließend antworten konnte. 

„Ich heiße Bea, und du?“ 

„Beo.“

Da war für Bea das Eis nicht nur gebrochen, sondern gänzlich geschmolzen. „Beo!“, rief sie aus. „Das ist aber cool!“

Beo musste nur ein bisschen lächeln. „Du kannst diese Sprache ganz gut.“, bemerkte er. Bea betrachtete ihn, während er sich einen weiteren Bissen des Brotes gönnte, dass so dick belegt war, dass es gerade in seinen Mund passte. So einen wie ihn hatte sie noch nie gesehen. Seine Haut war sehr hell, doch war sie nicht in dem edlen Weiß, mit dem sich die Alben einst geschmückt hatten, sondern eher, als wäre er selten an der Sonne gewesen. Seine Haare waren schwarz und seine braunen Augen hatten einen goldenen Glanz, den Bea so auch noch nie gesehen hatte.

„Wie kommt es, dass du mich auf Xarda angesprochen hast?“, wollte Bea wissen.

„Ich beherrsche Geddon nicht so gut.“, gestand Beo unsicher.

„Ich auch nicht.“, erwiderte Bea.

„Wirklich?“, wunderte er sich plötzlich. „Ich dachte, du wärst ein Hochelf.“

„Ein Hochelf?!“, wiederholte Bea empört. 

„Oh entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen.“

Beas Hand hielt die Kette, die sie um ihren Hals trug. „Nein, ist schon gut. Ich hab nichts gegen Hochelfen.“, log sie. „Ich war nur verwundert, wieso du mich für einen hältst.“

Beo zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nur, weil du so groß bist. Ich kenne mich da nicht so aus.“

Bea sah ihn ernst an und nannte ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: „Hochelfen sind hübsch.“

Dazu konnte sich Beo nicht äußern.

„Tut mir leid.“, sagte Bea. „Ich habe nur einen Hochelfen gekannt und mit dem... war's nicht so nett.“ , sie erzwang ein Lächeln. 

„Wenn du nur einen gekannt hast, kannst du aber nicht von hier kommen.“

„Nein, ich komme aus Occides.“

„Westlich des Passes!“, staunte Beo. „Okay und obwohl du Hochelfen hasst, bist du so weit in den Osten gekommen?“

„Ich hasse sie nicht!“, verteidigte sich Bea. „Ich... Ich denke doch nicht, dass alle wie einer sind.“

„Hat gerade so gewirkt.“

„Ja, dann... muss ich mal nette Hochelfen kennen lernen.“

Beo lächelte. „Ja. Geht mir ähnlich.“

Eine junge Frau schaute in den Raum und musterte Beo und Bea verwundert. 

„Seid ihr Erstis?“, fragte sie auf Alba.

Beo und Bea sahen sich an. „Wirr sind im errsten Semesterr, ja.“, erwiderte Beo. Sein Alba hatte tatsächlich einen extremen Akzent. 

„Kann es sein, dass ihr zur Einführungsveranstaltung wollt? Das wird jedes Jahr von ein paar verwechselt: Ihr müsst ins Haus 28!“

„Sind wirr das nicht?“

Die Frau lachte. „Nein. Kommt mit, ich bringe euch hin!“

Als sie aufstanden, bemerkte Bea plötzlich, dass Beo um fast zwei Köpfe kleiner war als sie. Vor lauter Staunen konnte sie ein „Oh.“, nicht zurück halten. Während sie der Frau folgten, fügte sich plötzlich alles, was sie bisher über Beo erfahren hatte, zu einem Bild zusammen: Der Akzent, das außergewöhnliche Aussehen, das schwierige Verhältnis zu Hochelfen...

„Du bist ein Zwerg, oder?“, fragte Bea.

Beo schaute ein wenig beleidigt drein. „Du bist einfach besonders groß!“

„Oh, es tut mir leid...“, setzte Bea an, doch Beo winkte ab. „Nein, du hast schon recht. Ich komme aus dem Norden. Aber Zwerge sehen noch ein wenig anders aus.“

„Oh.“

„Mein Vater ist Zwerg, meine Mutter ist vom Land nördlich der Eisenmauer. Also wenn du so willst, bin ich Halbzwerg.“

„Cool!“

„Das findest du cool?“

„Ja total! Du musst mir alles von deiner Heimat erzählen!“ Die Frau hielt vor offenen Doppeltüren und sprach sie diesmal auf Xarda an: „Ihr seid wohl so vertieft in euer Gespräch gewesen, dass ihr nicht mal gemerkt habt, dass außer euch keiner in dem Raum wartet.“

„Ja.“, Bea lächelte verschämt. „Danke für deine Hilfe.“

„Kein Problem.“

Bea und Beo blickten in den Saal. Dieser war noch größer als der, in dem sie fälschlicherweise gewartet hatten und die meisten Reihen waren bereits besetzt. Bea stockte der Atem beim Anblick so vieler Elfen. Sie wusste, dass mindestens ein fünftel von ihnen Hochelfen sein würden und überhaupt machte es ihr Angst, wieder so viele Gesichter um sich zu haben. Für einen Moment wünschte sie sich in den Wald zurück, wo sie nie Angst haben musste, dass ihr jemand etwas hässliches zurief. Dann schritt Beo voran und Bea folgte ihm. Während sie die Treppen erklommen, um sich einen Platz in den hinteren Reihen zu suchen, sah Bea über all die Personen und fragte sich, wen davon sie kennen lernen, wen sie mögen und wen sie nicht mögen würde. Dabei pochte ihr Herz laut und sie merkte, dass ihr andere Gesichter gefehlt hatten.

Sie setzten sich neben einen Elfen mit perfekt geformter Welle in seinem schokoladenbraunen Haar. Sein Name war Aristoteles, ein typischer Name für das Land im Südwesten, aus dem er stammte, welches für seine Philosophen aus alten Zeiten bekannt war. Sie konnten sich gerade noch über ihre Zweitfächer austauschen, ehe einer der Lehrenden die Tür zum Saal schloss und Ruhe einkehrte. Ein großer, hagerer Professor mit weißem Haar trat hervor, räusperte sich und begann seine Rede.

„Guten Tag, meine Damen und Herren.“ Er sprach Xarda auf eine Weise, wie Bea es bisher noch nie gehört hatte. Trotz seines krummen Rückens und des alten Gesichts, beide Hände hatte er hinter seinem Rücken verschränkt, schaffte er es, in die Art, wie er sprach, etwas hineinzulegen, das den ganzen Saal innerhalb weniger Sekunden ihm Sympathie und Respekt entgegenbringen ließ.

„Ich heiße Sie herzlich an der Universität Raesch willkommen. Ich bin Professor Scrow, Vorsitzender des Instituts für Mathematik und daher derjenige, der Sie heute zuerst begrüßen wird. Sie werden mich allerdings frühestens im zweiten Semester wieder sehen. Die für sie interessanten Kurse leiten Herr Professor Althjof...“

Prof. Scrows Blick ging auf etwas, das Bea zuerst nicht sehen konnte, doch als sie merkte, dass die anderen im Saal sich vorbeugten, tat sie es ihnen gleich und erblickte einen Zwerg, der ihnen freundlich entgegen lächelte.

„Professor Althjof unterrichtet im kommenden Semester Analysis I. Dieses Fach werden die meisten von Ihnen erst in einem Jahr belegen, die Monomathematiker unter ihnen wird Herr Althjof aber für die nächsten vier Semester begleiten.“, erzählte Professor Scrow, wobei Bea ihm kaum noch zuhörte, sondern vollkommen baff zwischen dem Zwergenprofessor und Beo hin und her sah.

„Ist das ein echter Zwerg?“, flüsterte sie.

Beo verzog das Gesicht, als wolle man ihm vergorenen Traubensaft als Wein verkaufen und versuchte, zu erklären: „Er hat keinen Bart, also: nein. Aber seine Statur ist durchaus die eines Zwerges. Er trägt ja nicht mal eine Rüstung.“, Beo schien richtig enttäuscht. „Ich hatte gehört, dass in Raesch ein Zwerg unterrichtet. Einer, der sogar schon zu Neros Zeiten hier lebte, weil man ihn für sein mathematisches Verständnis schätzte. Wie es scheint, hat er sich sehr angepasst.“

Professor Scrow fuhr fort. „Doktor Gordon wird das Fach unterrichten, dass jeder von ihnen in diesem Semester belegt hat: Lineare Algebra.“

Ein mittelgroßer Mann, weitaus jünger aussehend als die Professoren, trat hervor und lächelte etwas schüchtern. 

„Sie sehen ihn schon kommenden Montag. Da dieser Jahrgang relativ voll ist für Mathematik und da sowohl Mono-Mathematiker, als auch Lehrämtler seinen Kurs besuchen, werden seine Vorlesungen auf dem Campus Ohnesorg statt finden – der Campus Rechenberg hat leider nur zwei große Hörsäle. Wir sind uns aber sicher, dass Sie sich zwischen den Örtlichkeiten zurechtfinden werden. 

Nun möchte ich mir einmal aus reinem Interesse die Verhältnisse ansehen. Wer von ihnen studiert denn auf Lehramt?“

Etwa achtzig Prozent der Studenten hob den Arm. Bea sah sich dabei interessiert um.

„Nun, das sind natürlich die meisten.“, fasste Professor Scrow das Offensichtliche zusammen. „Es ist sicher einfacher zu fragen, wer von ihnen sich für das reine Mathematik-Studium eingetragen hat?“

Nun hoben um die dreißig Studenten die Arme. Bea versuchte sich, ein paar von ihren Gesichtern einzuprägen. Mono-Mathematiker waren in ihren Augen etwas besonderes, Leute, die ganz besonders gut in Mathe sein mussten – Leute, auf die sie zurück kommen konnte, wenn sie an einem Problem scheiterte.

Professor Scrow erzählte noch eine Weile über die Bibliothek und erwähnte allerlei nützliche Dinge, die Bea sich auch fleißig notierte. Schließlich verabschiedeten sich die Lehrenden und wünschten ihnen ein schaffensreiches Semester. Aristoteles fragte sie, ob sie Lust hatten, in der Mensa essen zu gehen und natürlich sagten Beo und Bea nicht nein.

Aristoteles hatte sie gebeten, mit ihm auf ein paar andere Elfen zu warten, mit denen er sich zuvor angefreundet hatte und da jeder von ihnen noch einmal zwei bis drei weitere Studenten kannte, waren sie am Ende eine Gruppe von etwa zwanzig, die geschlossen den Weg zur Mensa nahm. In den nächsten Stunden merkte Bea, dass sie doch nicht so unsozial war, wie sie es nach den Jahren der Isolation befürchtet hatte. Sie lachte ihren Gegenüber an und dieser lachte zurück. Ihre Namen versuchte sie sich mit aller Kraft einzuprägen. Schließlich fand sie unter den anderen auch zwei, die die gleiche Fächerkombination gewählt hatten wie sie: Luise, ein offenherziges, fröhliches Mädchen mit dunkelrotem Haar und Norton, der älter war als die meisten Studenten, dessen Lachen aber noch immer sehr kindlich war. 

Als sich die Runde langsam auflöste, blieben Bea, Norton und Luise zusammen, um ihre Stundenpläne abzugleichen. 

„Wow, deine Woche ist aber voll.“, staunte Bea, als sie Luises Plan sah. 

„Ja, ein bisschen.“, bestätigte sie. „Aber da muss ich durch.“

„Sollte man nicht gerade das erste Semester langsam angehen?“

„Ich hab halt den Rat des Fachschaftsrats befolgt.“

Bea sah Luise verwirrt an. 

„Oh, du warst nicht auf den anderen Veranstaltungen?“

„Nein, ich hatte vorher noch keine Zeit.“

„Ach so.“ Luise nahm Beas Plan und glich ihn mit ihrem eigenen ab. „Du hast doch Herrn Professor Althjof gesehen. Der leitet dieses Semester Analysis I. Das habe ich belegt.“

„Okay, aber warum? Das ist doch erst im dritten Semester dran.“

„Ja. Hast du einen Studienverlaufsplan dabei?“, wollte Luise wissen.

Bea nickte und holte ihn hervor.

„Die Lehrenden für Analysis I haben sich die letzten Jahre immer abgewechselt. Ein Jahr Professor Althjof, ein Jahr Professor Limes. Professor Althjof hat eine Durchfallrate von vielleicht fünf Prozent. Bei Professor Limes ist es anders herum.“

Bea legte ihren Kopf schief und schaute Luise fragend an.

„Das heißt, bei Professor Limes bestehen fünf Prozent der Studenten den Kurs.“

„Ach du meine Güte!“, staunte Bea.

„Das heißt, wenn du Analysis im dritten Semester machst, Herr Limes den Kurs leitet und du nicht zu den glücklichen fünf Prozent gehörst, dann musst du Analysis noch mal im fünften Semester belegen und da Analyis II den ersten Kurs als Voraussetzung hat, kannst du das in dem Fall auch erst im sechsten Semester machen – wo du eigentlich schon deine Bachelor-Arbeit schreibst.“

„Oh.“, machte Bea nur baff und brauchte eine Weile, um die Information zu verarbeiten. „Aber das sind neun Leistungspunkte mehr.“

„Wenn du die Bildungswissenschaften auf das dritte Semester verschiebst, sind es nur noch drei Punkte zu viel. Dann musst du an deinem Plan auch gar nicht mehr so viel ändern. Schau, hier und hier sind die Vorlesungen, die Herr Althjof hält. Die Blöcke werden frei, wenn du Psychologie streichst. Und die Übungsgruppen musst du dir noch günstig wählen. Die Angebote findest du im Institut für Mathematik, wir können da gleich mal vorbei schauen und dir ein paar Infozettel holen“

„Da war ich schon mal, um mir die Infos für Lineare Algebra zu holen.“, erwähnte Bea.

„Super. Und? Wirst du's tun?“, fragte Luise.

Bea grübelte kurz. „Nun, ich denke, das wäre das Klügste. Was ist mit dir, Norton?“

„Auf jeden Fall!“, antwortete Norton. „Ich bin doch schon froh, wenn ich in diesem Semester nicht zu den fünf Prozent gehöre, die bei Herrn Althjof durchfallen!“

Bea verabschiedete sich von den beiden Mathe-Physik-Studenten am Bahnhof Rechenberg. Sie wohnten nahe am Campus, sodass sie nicht mit dem Zug durch die Stadt fahren mussten. Auf der Fahrt änderte Bea ihren Stundenplan und stellte sich mental darauf ein, ein Semester voller Mathematik durchzumachen. In ihrer Wohnung angelangt stellte sie fest, dass ihr Mitbewohner mittlerweile angekommen sein musste. Im Flur standen große, breit getretene Schuhe. Bea begrüßte den Jungen, ihr Gespräch dauerte aber nicht lang, denn beide waren mit den Gedanken woanders.

Schließlich setzte sich Bea an ihren Schreibtisch und versuchte sich, an alle Namen und Gesichter zu erinnern, die sie heute kennen gelernt hatte. Bea hielt es für sehr wichtig, die Leute beim richtigen Namen zu kennen. Unter der Überschrift „Beas Namenslexikon“ skizzierte sie die Köpfe ihrer Kommilitonen und schrieb darunter ihre Namen und teilweise noch ein markantes Merkmal. Da war das schüchterne Mädchen mit scheuem Blick, namens Llena, das Bea am Bahnhof getroffen hatte. Bea hatte sich ihr Gesicht von zuvor gemerkt, weil sie sich gemeldet hatte, als nach Mono-Mathematikern gefragt wurde. Wie sich herausgestellt hatte, war auch der Junge, der neben Llena gestanden hatte, Mono-Mathematiker. Bea erinnerte sich an seine dicke Brille und die hoch stehenden Haare. Beim Namen musste sie grübeln, sie hatte kaum mit ihm geredet, sondern Llena darüber ausgefragt, was sie an der Mathematik so faszinierte. Sie erinnerte sich, dass der Name sehr witzig geklungen hatte.

„Mikkel!“, fiel es Bea wieder ein. Und während sie seinen Namen notierte, musste sie grinsen. 

Als sie fertig war, ging Bea in die Küche, um sich etwas zu Essen zu machen. Sie hatte sich einen Laib Brot und etwas Aufstrich gekauft. Von den vorherigen Tagen hier wusste sie bereits, wo sie Messer und Brett fand, viel mehr hatte sie sich in der Küche aber noch nicht umgesehen. Sie setzte sich an den Einzeltisch und schaute sich um, während sie aß. Sie roch etwas merkwürdiges, nicht das, was sie ständig im Treppenhaus vernahm, dieser Geruch war unangenehmer. Sie erinnerte sich, dass sie ihn schon in den ersten Tagen hier bemerkt, doch ausgeblendet hatte. Schließlich, als sie aufgegessen und aufgeräumt hatte, folgte sie ihrer Nase zum Herd. Sie ahnte, dass der Geruch aus der Ofenkammer kommen musste, stellte sich stirnrunzelnd davor und riss kurzerhand die Tür auf. Der Gestank, der ihr plötzlich entgegen kam, erschlug sie. Bea stöhnte und ohne weiter nachzudenken, flüchtete sie aus der Küche, stürzte in ihr Zimmer und vergrub ihr Gesicht in ihrer Bettwäsche. Sie öffnete das Fenster und atmete die frische Abendluft ein, doch der Geruch blieb noch eine Weile in ihrer Nase.