Bea und die Wölfe


Aurora II

In der Nacht trieb ein Sturm das Meerwasser in gewaltigen Wellen aufs Land. Aurora konnte er kaum bewegen – sie war so schwer, dass die Wellen eher den Sand unter ihren Füßen fortrissen, als sie selbst. Ein Alb konnte niemals schwimmen. Der Tod zog ihn nach unten. Aber Aurora hatte schon immer ihre Schwächen getilgt, indem sie Wesen tötete und fraß, deren Fähigkeiten sie sich aneignen wollte. Und während dieser Sturm verirrte Meereswesen an Land schwemmte, lief Aurora zwischen den Wellen und griff wahllos nach allem, was ihr lebendig vorkam. Es war sehr wichtig, dass sie es war, die die Tiere tötete, von Aas konnte sie keine Macht in sich aufnehmen. Aurora kannte sich in keinster Weise mit Meeresgetier aus. Aus ihrer seenreichen Heimat kannte sie noch den Begriff Fisch, doch so etwas fand sie in dieser Nacht kaum, oder wenn ein Wesen ungefähr die Form eines Fisches hatte, so war es um ein zehnfaches größer als die Arten, die Aurora kannte. Haltlos fraß sie sich durch die schuppigen, lederhäutigen oder schleimigen, mit Tentakeln gespickten Tiere, wobei ihr Körper mal vollkommen unter Wasser war, mal an der Luft vom Regen gepeitscht wurde. Aurora spürte, dass es funktionierte. Sie veränderte sich. Bevor die Sonne ihre ersten Strahlen auf das Geschehen sandte, wandte sich Aurora endgültig vom Land ab und verschwand in den Fluten.

Aurora hätte gern einen Spiegel gehabt. Damit hatte sie sich früher sehr viel beschäftigt. Zumindest so lange, bis sie sicher war, dass sie perfekte Haut und Gesichtszüge hatte. Es war schon einige Jahrzehnte her, seit sie sich das letzte Mal verändert hatte. Jetzt fühlte sie Risse in ihrem Hals und zwischen ihren Rippen. Dadurch floss das Wasser durch ihren Brustkorb, doch trotzdem fühlte sich das Atmen noch immer so an wie früher. 

Der Sand unter ihren Füßen wich größeren Steinen, zwischen denen Algen dem bläulichen Licht entgegen wucherten. Von diesem harten Untergrund konnte sich Aurora gut abstoßen, um für ein paar Sekunden durch das Wasser zu schnellen und ihre ausgestreckten Arme durch den Leib des einen oder anderen Tiers zu bohren. Die Verwandlung und nun auch das immer ärmer werdende Licht zehrten an Auroras Kräften und sie fraß und fraß, so viel sie nur konnte. Je weiter sie gen Osten wanderte – Aurora musste sich dabei auf ihren inneren Kompass verlassen – desto dunkler wurde es. Aurora ahnte, dass sie bald in völliger Finsternis wandern würde – vielleicht für viele Jahre, wenn sie die Richtung verlor. 

Einmal traf Aurora auf ein gesunkenes Schiff. In den letzten Strahlen, der Sonne, die Aurora in dieser Tiefe erreichten, sah sie, dass sein Rumpf regelrecht zerquetscht worden war. Viele Elfen waren zur See gefahren, doch selten war ein Schiff zurück gekehrt, dass sich weiter als eine Tagesfahrt vom Land entfernt hatte. Auf dem Meer nützte ihre Macht den Elfen nichts und, wenn man manchen Kapitänen glauben wollte, so lebten einige grässliche Kreaturen in den Tiefen und sie kamen hervor, wenn Schiffe an der Oberfläche segelten. Vielleicht, um die Elfen in ihre Schranken zu weisen, die Fische zu rächen, die in ihre Netze geraten waren und sicherzugehen, dass das Meer ihnen gehörte. Nun, als Aurora die Spuren des Wesens erkundete, das dieses Schiff in die Tiefe gerissen hatte, schauderte sie – vor Vorfreude. 

Aurora wanderte weiter. Sie brauchte keine Rast einlegen, solange sie noch genug zu Essen bekam. Schließlich aber verblassten die letzten Schimmer und völlige Finsternis umgab die Albin. Nun war sie sich immer unsicherer, ob sie überhaupt die richtige Richtung nahm. Ihre Sicht war für sie immer das wichtigste gewesen. Irgendwann nahm sie ein Leuchten wahr, dass in einiger Entfernung über ihr Leuchtete. Sie stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab und erreichte gerade so das merkwürdige Wesen, ehe sie wieder in die tiefe sank. Es war wie ein Ball aus Schleim, in dessen Zentrum ein blau leuchtender, zerfranster Ring war. Mit seinen merkwürdigen Fühlern oder Tentakeln filterte es seine Nahrung aus dem Wasser. Aurora überlegte, ob sie diese absurde Parodie eines Irrlichts essen sollte, ahnte aber, dass es zu großen Teilen nur aus Wasser bestand und verzichtete darauf. Solche Wesen sah sie für die nächste Zeit immer wieder. In ihrem spärlichen Licht fand sie krauchende Bodentiere, die Aurora so erbärmlich fand, dass sie sich die fischähnlichen Wesen zurück wünschte. Natürlich fraß sie sie trotzdem. 

Schließlich blieben auch die Quallen hinter Aurora zurück. Immer wieder stieß sie gegen irgendwelche Gebilde. Felsen, Korallen... Aurora hatte keine Ahnung, was ihr den Weg versperrte. Meistens sprang sie einfach drüber. Manchmal schlug sie auf die Hindernisse ein. Dann durchbrachen Knacken und Knirschen die endlose Stille und Aurora stellte zufrieden fest, dass ihre Haut noch immer härter als Marmor war. Trotzdem kehrte langsam Gefühl zu ihr zurück. Das konnte Aurora auch gut gebrauchen, denn ihre Augen und meist auch ihre Ohren waren hier unten nutzlos. Langsam konnte sie Stein von Korallen unterscheiden und wenn ihre Finger etwas scharfes berührten, so war sie sich meist sicher, dass es zu etwas gehörte, das sie töten und essen konnte. 

Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre waren vergangen, als Aurora unwissentlich das Zentrum des Ozeans erreichte. Ihre Füße steckten tief in einem sich ständig bewegenden, zähen Schlamm. Sie ließ sich davon kaum verlangsamen. An Anfang griff sie manchmal in die merkwürdige Masse, entschied sich aber instinktiv dagegen, davon zu probieren und watete tief in diesen Sumpf am Grunde des Meers, ohne zu merken, dass sie bis zu den Knien in einem Lebewesen steckte.

„Bleib stehen, Elfenkind.“ Die Stimme drang durch die Finsternis an Auroras Ohren und plötzlich merkte sie, dass es eine Ewigkeit her sein musste, seit sie das letzte Mal jemanden hatte sprechen hören. Sie hielt an.

„Wer bist du?“, sagte sie, war sich aber nicht sicher, ob die Worte, die ihr Mund formte, überhaupt laut wurden. Ihre eigenen Ohren zumindest, konnten, geplagt vom unglaublichen Druck der Tiefsee, nicht hören, was Aurora sagte. Die Stimme antwortete dennoch.

„Poseidon.“

Aurora war sich sicher, diesen Namen noch nie gehört zu haben und doch, als hätte sich dieses Wissen durch Vererbung in ihrem Hirn festgesetzt, schossen ihr sofort Erinnerungen durch den Kopf.

„Poseidon.“, wiederholte Aurora. „Gott der Meere.“

„Gott, Titan...“, erwiderte die Stimme. Sie klang wie ein Schiffsrumpf, der in der Tiefe unter dem Druck zusammenbrach. „... Alles weitere ist eurer Terminologie überlassen. Nur Poseidon, das habe ich euch mit auf den Weg gegeben.“

„Ein Gott.“, murmelte Aurora und überlegte, ob und wie sie ihn töten konnte. „Warum sollte ich stehen bleiben?“

„Weil du sonst hinabfällst.“, erwiderte der Meeresgott. Kaltes Licht entflammte und plötzlich konnte Aurora wieder sehen.

Sie merkte, dass sie tief in einer lebendigen Masse aus Nervenbahnen und Muskeln stand, durch die Lichter wie Impulse zuckten. Als Aurora nach vorne blickte, sah sie, dass der sehnige Schleim  aus dem Körper hervorquoll, der zu dem Wesen namens Poseidon gehörte. Direkt vor Aurora war der hausgroße Kopf des Meeresgottes – sein Gesicht war ansatzweise wie das eines Elfen: Eine Nase konnte Aurora erkennen und Augen, auch wenn sie anders waren als alles, was Aurora je gesehen hatte. Der Mund des Wesens war von der Masse verdeckt, die sich auch von dort ausbreitete, wo seine Haare wären. Der Kopf Poseidons war direkt vor ihr, der Rest seines Körpers verschwand in dem gewaltigen Graben, der sich direkt (W)vor Aurora auftat. 

„Wer hätte gedacht, dass es noch tiefer geht?“, spottete Aurora, woraufhin Poseidons Lachen das Wasser vibrieren ließ.

„Lass mich dich ansehen.“, sprach Poseidon und ein blau leuchtender Fühler löste sich aus dem Sumpf um Aurora herum und näherte sich ihrem Gesicht. „Du wirst mir zeigen, wo du herkommst und warum du hier bist. Im Austausch dagegen zeige ich dir den Beginn...“ Mehr konnte Aurora nicht hören, denn als der Tentakel ihre Stirn erreichte, wurde sie von einer Welle von Poseidons Erinnerungen überflutet. Sie sah, wie sich in einem urzeitlichen Ozean winzige Lebewesen zusammenschlossen, um zu einem zu werden. Ein Wesen, dass bald den halben Ozean kontrollierte und alles in sich aufnahm. Alles, was nicht mit ihm verschmelzen wollte, musste fliehen...

Aurora kehrte in die Gegenwart zurück. Benommen murmelte sie: „Und so kam das Leben an Land.“

„Ja.“, Poseidon. „Und so kamst du zu mir.“ Während Aurora Poseidons Erinnerungen gesehen hatte, hatte er sich in ihrem Gedächtnis umgeschaut. „Und ich habe beschlossen, dich passieren zu lassen. Du konntest mir viel neues über den Kontinent der Elfen berichten, aber ich möchte auch sehen, was sich auf der anderen Seite verändert hat.“

„Die andere Seite?“, fragte Aurora.

„Ja. Von euch weiß ich nur über die Schiffe, die ihr törichterweise immer wieder in meine Richtung gesandt habt. Auch von der anderen Seite kamen Schiffe. Mit ähnlichen Wesen.“

„Gibt es dort auch Elfen?“, wollte Aurora wissen.

„Weißt du, wie das Land geformt war, als das erste Leben angeschwemmt wurde?“, fragte Poseidon spöttisch und erneut ließ sein Lachen das Wasser vibrieren. „Nein, du weißt schon genug. Tausend Jahre haben deinen Kopf schon fast verbraucht. Was willst du mit so altem Wissen?“

Strudel entstanden, als Poseidon sich bewegte und eine gewaltige Hand aus dem Graben hervorkam. Die muschelbedeckte Klaue senkte sich vor Aurora zu Boden und während sie sich einladend öffnete, flohen weiße Krabben den Arm hinauf. 

„Komm, ich will dich über den Graben heben.“, sprach Poseidon. 

Aurora gehorchte und überlegte, ob sie an seinen Fingern testen sollte, ob sie seinen Körper zerschlagen konnte. Als sie über dem Graben war, sah sie, dass er zu großen Teilen von Poseidons Nervenbahnen gefüllt war. Wenn sie ihm etwas abhackte, würde es sicher von diesem Schleim ersetzt, dachte Aurora.

„Vor einigen Monden wagte sich eine Flotte vom Westen her über den Ozean. Ich wunderte mich sehr darüber, dass so viele Elfen auf einmal in den Tod segeln wollten. Aber ich ließ die meisten von ihnen passieren. Jetzt kannst du mir berichten, was mit den Elfen passiert ist, die am anderen Ende ankamen.“

 Auf der anderen Seite ließ Poseidon Aurora abspringen. Die Albin blickte zurück in die Augen Poseidons, die wie Löcher in seinem Gesicht waren, hinter denen sich die samtene Finsternis der Tiefsee auftat. Und erneut erklang das bebende Lachen Poseidons, der lang nichts mehr gefunden hatte, dass ihn so amüsierte.

„Du denkst noch immer darüber nach, ob du mich töten kannst.“

„Kann ich?“, fragte Aurora schamlos.

Das gab dem Meeresgott den Rest. Seine Faust schmetterte auf den Boden, ein Fels löste sich von der Schlucht und fiel in den Graben und Poseidons donnerndes Lachen ließ das Meer erbeben. Später kam es an den Küsten zu gewaltigen Wellen. 

„Du kannst froh sein, wenn du es schaffst, diesen Mann zu töten, dessen Tod du dir so sehr wünschst.“

„Nero.“, Aurora ballte die Fäuste.

„Hör zu, Elfenkind. Ich lasse dich weiter wandern und gebe dir sogar ein Licht, dass dich führen soll. Deine bisherige Reise verlief oft in Schleifen. Nun sollst du dich auf den direkten Weg nach Osten begeben. Und wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du erneut zu mir kommen, damit ich sehen kann, was du erlebt hast.“

„Was ist mit den Schiffen, die aus dem Osten kommen?“ wollte Aurora wissen. „Kannst du nicht auch von denen erfahren, was ich dir berichten soll?“

„Bisher hat noch keiner der Seefahrer überlebt, bis er bei mir war.“, erwiderte Poseidon. „Selbst ihre Knochen zersplittern unter dem Druck der Milliarden Liter Wasser über uns. Du bist schon etwas besonderes mit deiner marmornen Haut, doch auch du wirst noch lernen, dass du aus dem selben Dreck entstanden bist, wie alles andere.“

Aurora grinste. „Das weiß ich schon. Auch Diamanten waren einst nichts als Dreck. Nenn mich Alb.“

„Alb.“, Poseidon ließ das für ihn neue Wort durch das Wasser schweben. Dabei schien ihm etwas einzufallen. Plötzlich tauchte er in den Graben hinab und als Aurora ihm nachsah, konnte sie nichts als Schwärze erkennen, in der bläuliche Blitze durch Poseidons Nervenbahnen zuckten. Als der Gott wieder nach oben kam, reichte er seine zur Faust geballte Hand Aurora. Als sich die Finger öffneten, offenbarte sich ein winziges Objekt in der Mitte der zernarbten, rauen Handfläche. Aurora stieg auf die Hand, um es näher zu betrachten. Es war ein glatter, ovaler und halbdurchsichtiger Stein, in dessen Herz ein schwaches goldenes Licht glimmte. Er war zwischen zwei Muscheln geklemmt, die auf Poseidons Haut wuchsen. Als Aurora ihn davon löste, wollte er sofort aufsteigen. Erschrocken schnappte Aurora sich den Stein, ehe er außerhalb ihrer Reichweite war.

„Sei vorsichtig.“, warnte Poseidon. „Es ist leichter als das Wasser hier unten.“

 Aurora betastete den Stein und fühlte zum ersten Mal seit Jahren wieder etwas angenehmes auf ihrer Haut.

„Was ist das?“, fragte sie. Ihre Augen genossen den Anblick des warmen Lichts, das gegen die Dunkelheit und das kalte Leuchten ankämpfte. 

„Das ist nicht so wichtig.“, erwiderte Poseidon. „Du sollst es mitnehmen und in den Gewässern, die zu hell und flach für mich sind, fallen lassen. Die Wellen werden es an den richtigen Ort tragen. Du wirst wissen, wann du ihn loslassen kannst: sobald das Wasser so leicht ist, dass der Stein nicht mehr schwimmt.“

Aurora nickte. 

„Einverstanden.“, sprach sie und wandte sich ab, um zu gehen.

„Ich habe noch etwas für dich.“, sagte Poseidon. Ein Amulett fiel langsam durch das Wasser auf Aurora zu. „Das Gift der olivenen Seeschlange hat noch kein Alb je gespürt. Auch dein Nero wird es noch nicht kennen. Eine Portion darin ist in diesem Anhänger gespeichert. Vielleicht siehst du Nero ja wirklich noch einmal wieder.“

„Das werde ich.“, sagte Aurora und legte die Kette an. Bevor sie sich abwandte nickte sie Poseidon einmal zu.

„Auf Wiedersehen, Aurora.“, verabschiedete sich Poseidon.