Bea und die Wölfe


Tilia II

Attila starrte kritisch aus dem Fenster und betrachtete die vorbeiziehenden Seen, die ihre Ankunft in der wasserreichen Gegend Birkoy ankündigten. Irgendwo hier musste die Heimat Auroras sein – wenn es das entsprechende Dorf überhaupt noch gab. Außerdem konnten sie hier auf die Transkoninentalbahn wechseln, die sie bis kurz vor den Pass bringen würde. Attila ärgerte sich, dass der Zubringer zur großen Bahnstrecke, die sich fast dreitausend Meilen von Ost nach West über den Kontinent erstreckte, sie so weit in den Westen führte. Momentan entfernten sie sich eher von ihrem Ziel, als sich ihm zu nähern. Tilia neben ihm hielt stets seine Hand und beäugte die Umgebung aufmerksam, analysierte jeden, der an ihrem Abteil vorbeikam. Ihnen war in den Tagen, nachdem sie sich von Bea getrennt hatten, ein Gedanke gekommen, der sie nicht mehr ruhen ließ: Was, wenn, statt sich die Mühe zu machen, sie durch den Wald zu jagen, die Elfen von Kragos einfach jemanden gesandt hatten, der in der nächsten Stadt auf sie wartete? Damit diese Sekte, oder was auch immer es für eine Organisation war, die sich im Norden des Waldes eingenistet hatte, überhaupt so weit gekommen war, dass man Menschen zu ihnen schickte, mussten sie außerhalb des Waldes einige Freunde haben. Und Tilia mit ihren roten Haaren und der Narbe war leicht wieder zu erkennen. 

Eine rundliche Frau schob einen Essenswagen durch den Gang und hielt vor ihrer Tür.  Als sie anklopfte, schien sich Tilia zu entspannen. Sie begrüßte die Elfe höflich auf Alba, woraufhin diese in einem Fluss in der fremden Sprache redete, als würde sie annehmen, dass Tilia und Attila sie verstehen könnten. Bruchstückhaft und natürlich auch aus dem Kontext errieten Tilia und Attila, dass ihnen soeben diverses Gebäck und Getränke angeboten wurden. Sie gaben sich Mühe, ihr zu erklären, dass sie nichts kaufen wollten, doch endlich merkte die Frau, dass die beiden Menschen sein mussten.

„Ach, das ist aber eine Überraschung!“, überschwänglich erzählte die Frau von ihrem Sohn, der in einer Aufnahmestelle arbeitete und äußerte ihr Mitleid mit dem Schicksal der Menschen. Sie bemerkte, dass die beiden auch recht müde und zerzaust aussahen, womit sie nicht einmal übertreib.

„Hier um Birkoy scheint uns die ganze Sache noch ganz weit weg und auch wenn ich Mitgefühl habe, will ich doch meinen Beruf nicht aufgeben, um zu helfen.“, gestand die Frau. „Aber lasst mich euch wenigstens ein kleines Geschenk machen.“

Sie stellte einen Teller mit einem Kuchenstück auf ihren Tisch. 

„So etwas habt ihr bestimmt lang nicht bekommen. Nein, bitte, nehmt ihn an. Das ist wahrlich kein Verlust für mich.“

Sie wehrte alle Versuche von Attila und Tilia ab, ihre Geste freundlich abzulehnen und ließ ihnen auch keine weitere Zeit für Diskussionen, sondern verließ ihren Abteil wieder. 

Das erste was Tilia dann tat – und Attila beobachtete sie sehr irritiert dabei – war, sich eine der beiden Jacken anzuziehen, die sie sich vor ihrer Abreise noch halb erarbeitet , halb erbettelt hatten. Dann griff sie nach einer der Gabeln, die die Dame auf ihrem Teller hinterlassen hatte, und lud sich ein Stück Kuchen auf. Ihr Blick verbot es Attila, etwas zu sagen. Sie führte die Gabel zu ihrem Mund, doch statt vom Kuchen zu essen, versenkte sie das Stück mit einer schnellen, geschickten Bewegung in ihrer Kapuze. 

Attila verzog das Gesicht voller Verwirrung. Tilia flüsterte so leise, dass er sie kaum verstehen konnte.

„Im Abteil nebenan sitzt ein Herr, der über das polierte Aluminium dort“, Tilia nickte in Richtung des Flurs. „Zu uns sehen kann. Aber nur ungefähr bis zur Brust. Er sieht den Teller und unsere Hände.“

„War die Frau vorher in seinem Abteil?“, fragte Attila. Er glaubte, zu verstehen, was Tilia vorhatte und machte es ihr nach.

Tilia nickte. „Er trägt Handschuhe. Erinnerst du dich daran, wie ich sie verbrannt habe? Die Elfen Kragos haben ihre Hände vor ihre Gesichter gehalten – die Hände waren das erste, was verbrannt wurde und wie Bea schon sagte, können sie die Narben nicht heilen.“

„Also du glaubst, der Kuchen ist vergiftet.“

„Ich bin mir sicher.“, sprach Tilia. „Und ich glaube auch, wenn er merkt, dass wir ihn nicht essen, wird er schnell einen anderen Weg suchen...“

Attila nickte. „Dann 'essen' wir ihn und zeigen, dass es uns sehr schlecht geht. Aber wir wissen nicht, wann das Gift wirken würde.“

„Ich schlage vor, wir verlassen den Zug bei der nächsten Station und hoffen, der Mann folgt uns nicht, sondern geht davon aus, dass wir noch in dieser Nacht sterben.“

Tilia und Attila verließen den Ort, in dem sie ausstiegen, Richtung Süden. Sie nahmen den erstbesten Pfad, der von der Straße abbog und folgten ihm an Seen und Feldern vorbei, bis die Sonne sich dem Horizont näherte. Stundenlang schwiegen sie, beide ihren Gedanken nachhängend. Attila fragte sich, ob Tilia sich geirrt hatte und sie ihre Reise in den Westen vollkommen grundlos abgebrochen hatten. Er hielt es noch immer für elementar, andere vor den Elfen in Kragos zu warnen, doch wenn Tilias Befürchtungen begründet waren und nach ihnen gesucht wurde, so sollten sie sich lieber verstecken. Am besten an einem Ort, der kaum Kontakt zur Außenwelt hatte. 

Tilia hatte sich schon immer auf ihren ersten Eindruck verlassen. Auf manche ging sie zu, als wäre sie ein blindes Kind, anderen misstraute sie selbst noch nach Jahren. Attila hatte das nie für intelligent gehalten und auf Tilias Eindrücke wenig gegeben. Doch der Vorfall in Kragos hatte seine Meinung dazu geändert. Alle waren vollends begeistert von der Nachricht, dass über einhundert Menschen von einem Dorf im Norden Abrariths aufgenommen werden sollten. Und als sie unter denen waren, die nach Monaten das verdreckte, überfüllte Zeltlager verlassen durfte, war Attila überglücklich gewesen. Doch Tilia hatte ihn gebeten, auf eine andere Gelegenheit zu warten. Sie hatte von einem schlechten Gefühl geredet, doch da sie es Attila nicht besser begründen konnte, hatte er ihren Rat missachtet. Jetzt, auch vor allem, weil er selbst langsam immer ratloser wurde, wollte sich Attila mehr auf Tilias Instinkte verlassen. Das war auch der Grund gewesen, wieso er sie nicht zurück gehalten hatte, als sie Bea auf Anhieb vertraut hatte.

Als es dämmerte, führte sie der Pfad in einen Fichtenwald, wo sie hinter den Wurzeln eines umgestürzten Baumes Schutz suchten. Flüsternd berieten sich Tilia und Attila, kamen aber zu keinem Ergebnis. Sicher waren sie sich nur darin, dass sie vorerst nicht ins Dorf zurück kehren wollten. Tilia durfte zuerst schlafen und Attila hielt Wache. Er spähte immer wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sie hatten sich nur wenige hundert Meter vom Pfad entfernt. Bald war es so dunkel, dass Attila fast nichts mehr erkennen konnte. Sie hatten auf ein Feuer verzichtet, auch wenn Tilia bereits vor Kälte zitterte. Attila musste sich also auf seine Ohren verlassen. Er betrachte den Stein, den Tilias Hand umschloss. Er war ihr Schlüssel zur Zauberei. Sie nutzte ihn, um sich besser konzentrieren zu können. Sie waren sich immer sicher gewesen, dass ihm an sich keine Magie inne wohnte – es war einfach nur ein Bernstein, den Tilia am Stand der Westküste Xardas gefunden hatte. Doch in der Finsternis des Waldes sah Attila plötzlich ein schwaches Leuchten, das vom Herzen des Steins ausging. Nun, vielleicht war es auch nur Tilia, die im Schlaf unbewusst zauberte, versuchte Attila, sich zu beruhigen. Ein Stein, der sich als magisches Artefakt herausstellte, war das letzte, das er jetzt haben wollte.

Vielleicht eine Stunde, nachdem es dunkel geworden war, hörte Attila etwas. Sofort weckte er Tilia, die ihren Bernstein umklammerte und gemeinsam mit Attila in die Dunkelheit starrte. Etwas lief in schnellen Schritten durch den Wald. Es schien dabei nicht sonderlich zielstrebig zu sein, nahm aber schließlich Kurs auf sie zu. Attila und Tilia rückten enger zusammen und duckten sich hinter den Baumstamm, bereit aufzuspringen. Schließlich erkannten sie, was auf sie zugesprintet kam: Ein Schäferhund. Er umkreiste ihr Lager, blieb vor ihnen stehen und starrte sie aus großen Augen an.

„Glaubst du, es gibt sowas wie Bea auch in Hundeform?“, flüsterte Attila. Er fragte sich, ob er Tilia bitten solle, das Tier zu töten. Ob sie dazu überhaupt in der Lage war? Immerhin fühlte sich Tilia gerade nicht in Lebensgefahr.

Der Hund bellte. 

Sie zuckten zusammen.

„Oh nein, nicht bellen.“, bat Attila. Er sah sich um.

Erneutes bellen.

Weit hinter ihnen vernahmen sie schwere Schritte und etwas, das sich nach einem Rülpsen anhörte. Nun, da der Hund ihre Position verraten hatte, ließ Tilia ihr Licht leuchten, um sehen zu können, wer ihnen da entgegen kam. 

Zumindest war es mit Sicherheit nicht der Mann, der im Abteil nebenan gesessen hatte – es sei denn die Wandelfähigkeiten der Elfen beinhalteten auch, ihr Körpervolumen zu verdoppeln. Er war sehr breit gebaut und obwohl sich unter seinem Wollhemd ein dicker Bauch spannte, war doch der Großteil seiner Masse aus Muskeln und noch vor wenigen Jahren musste dies ein Mann gewesen sein, der es mit einem Bären aufgenommen hätte. Sein rotes Haar lichtete sich auf seinem Kopf, dafür trug er einen stolzen, struppigen Bart, der ihm bist auf die Brust reichte. Er rülpste erneut und als Tilia seine rote Nase bemerkte, wurde ihr klar, dass sein schwerfälliger Gang nicht durch den prall gefüllten Rucksack auf seinem Rücken begründet war, sondern durch vorherigen Alkoholkonsum – wahrscheinlich in dem Dorf, aus dem sie gekommen waren.

Der Hund war noch immer nicht von der Stelle gewichen und Tilia ahnte, dass es ihm nicht gefallen würde, wenn sie jetzt allzu schnelle Bewegungen machten. 

„Wen hast du denn da gefunden?“, die Stimme des Mannes hallte schmetternd durch den Wald. Er sprach Alba, noch dazu etwas nuschelnd. Also verstanden Tilia und Attila kaum, was er da gerufen hatte. Der Mann trat näher, räusperte sich und sprach nun etwas leiser und deutlicher. „Zwei Fremde.“ Diese Worte konnten die Menschen verstehen.

Er stellte sich neben seinen Hund, tätschelte dessen Kopf und betrachte die beiden Gestalten vor sich. Beide Parteien schienen eine Weile abzuwarten und nachzudenken. Attila fragte sich, welche magischen Fähigkeiten noch in Tilia wohnten und ob sie sie im Zweifelsfall retten würden. Bevor sie auf Geddon ankamen, hatte Tilia nie etwas anders als ein wenig Licht zaubern können, obwohl sie es sich oft gewünscht hatte.

 Schließlich leitete der Mann einen Dialog mit einem Rülpser ein. 

„Ihr seid Menschen.“, er sprach besonders langsam und deutete auf die Quelle des Lichts. 

Tilia nickte. Dummerweise beschränkte sich ihr Alba auf Smalltalk-Phrasen, von denen sie gerade keine als passend empfand.

„Sprecht kein Alba?“, fragte der Mann.

„Nur wenig.“, erwiderte Attila. 

„Nun, ich spreche kein Xarda.“ Der Mann konzentrierte sich, um möglichst deutlich möglichst simple Worte zu verwenden. „Ihr versteckt euch?“

Tilia und Attila wechselten einen Blick und beschlossen, nicht zu antworten. Es war schließlich durchaus möglich, dass sie ihn nicht verstanden hatten.

„Warum?“, fuhr der Mann fort.

Sie schwiegen verlegen.

Der alte Elf runzelte die Stirn und trat auf Tilia zu, die zusammenzuckte, aber nicht zurück wich. Er griff nach ihrer Kapuze und als er seine Hand vor sein Gesicht hielt, klebte ein Stück Kuchen zwischen seinen Fingern. Er betrachtete es voller Skepsis und als er seine Finger näher an sein Gesicht führte, rief Tilia „Nein!“.

„Ich werd schon nicht essen, was dir an der Kleidung klebt, Mädchen.“, spottete er. „Was hat das zu bedeuten?“

Er ließ seinen Hund an der Speise riechen, der daraufhin verärgert bellte.

„Habt ihr davon gegessen?“, wollte er wissen.

Sie schüttelten die Köpfe, halb ratend, was er sie gefragt hatte.

Er nickte grübelnd. „Also wollte euch jemand tot sehen und ihr seid geflohen. Clevere Menschen seid ihr also.“

Attila sah zwischen dem Mann und Tilia hin und her. Er fragte sich, ob sie ihm entkommen konnten. Er war bestimmt langsamer als sie, aber sein Hund? Würde Tilia das Tier verletzten, wenn es darauf ankam? Wohl eher nicht, und ohne Magie schien dieser Hund nicht unbedingt leicht zu überwältigen zu sein.

„Kommt mit.“, forderte sie der Mann auf.

Tilia und Attila rührten sich nicht von der Stelle.

„Ach, jetzt stellt euch nicht so dumm an!“, fluchte der Elf. „Ihr seid nicht so viele Meilen in dieses Land vorgedrungen, ohne ein Wort Alba zu sprechen. Kommt mit.“ Er stapfte voraus und der Hund schaute die beiden erwartungsvoll an. Tilia warf Attila einen hilflosen Blick zu, nahm seine Hand und folgte dem Mann vorsichtig. Der sah sich gar nicht nach ihnen um, sondern lief zurück zum Pfad, dem er tiefer in den Wald folgte. Der Hund folgte Tilia und Attila und gab auf jeden ihrer Schritte acht. Der Mann redete weiter, Tilia und Attila verstanden dabei noch weniger, da er sich nun auch keine Mühe mehr zu geben schien, verständliche Worte zu verwenden.

„Die Welt ist ein grausamer Ort und ihr seid fast noch Kinder. Auch nach Nero sind die meisten Elfen verrückt. Ich kann eure Hände gut gebrauchen, mein Haus ist eingestaubt und ich habe auch keine Lust, zu kochen.“ Er sprach vor sich hin, als wäre er allein. 

„Es wäre nicht das erste Mal, dass ich Verfolgte aufnehme. Bestimmt habt ihr nicht mal etwas verbrochen, nein, so seht ihr wahrlich nicht aus. Genau wie die Dierelfen, die ich damals bei mir versteckt habe. Aahh...“, er seufzte schwer, als er sich zurück erinnerte. „Das erste und einzige Kind, das unter meinem Dach geboren wurde. Oh, sie war so ein anmutiges Mädchen. In Wolfsgestalt war ihr Fell weiß wie der Mond selbst.“ Tilia sah, wie er seine Hand zu seinem Gesicht hob und glaubte, dass er sich die Augen wischte. Sie wünschte sich, sie könnte seiner Geschichte folgen. „Ich werde wohl nie genug trinken können, um zu vergessen, was mit ihr passiert ist.“

Sie erreichten einen kleinen Hof im Wald. Der Elf öffnete ihnen eine Tür und sah sie erwartungsvoll an, doch weder Tilia noch Attila schienen gewillt, seiner Einladung zu folgen. Er fluchte und trat in sein Haus, ließ die Tür aber offen. Als Tilia und Attila sich umwandten, sahen sie, dass der Hund sie noch immer aufmerksam beobachtete. 

„Oh Mann.“, stöhnte Attila. „Tilia, was sagt dein siebter Sinn zu diesem Verrückten?“

„Ich glaube, er hat zumindest nichts mit den Waldelfen zu tun. Aber er hat getrunken und ich glaube, er kann schnell wütend werden. Vorhin wurde er plötzlich traurig und ich weiß nicht, warum.“

„Hm.“, machte Attila. „Aber du würdest nicht sagen, dass er uns umbringen will.“

Der Mann kam wieder. „Schlaft, wo ihr wollt, wenn ihr schon nicht ins Warme kommen wollt. Aber nehmt wenigstens diese Decke, sonst erfriert ihr noch. Und wandert ja nicht zu weit in den Süden!“

Mit diesen Worten warf er ihnen ein riesiges Fell zu.

Als Attila und Tilia erwachten, war es schon fast Mittag. Sie lagen im Moos unter Fichten, eingewickelt in ein braunes Fell. Am Abend waren sie noch ein wenig in den Wald südlich des Hofes gewandert, hatten aber bald aufgegeben und sich schlafen gelegt. Jetzt saß dieser Hund wieder vor ihnen und beobachtete sie. Attila stöhnte. 

Schon bald kam der bärtige Elf zu ihnen und forderte sie auf, ihm zu seinem Hof zu folgen. Wieder redete er viel und Attila und Tilia verstanden wenig. Als sie sich den Hof ansahen, wurde ihnen zumindest ein wenig davon klar, was er versucht hatte, ihnen zu erklären: Der Mann war Schmied – aus einer seiner Scheunen stieg bereits Rauch und als sie einen Blick hinein warfen, sahen sie allerlei Werkzeuge und Erze. Außerdem lebte er allein, obwohl sein Wohnhaus groß genug für eine Familie war. Unter dem Vordach seines Hauses hatte er auf einer Bank zwei Teller für die beiden Menschen hingestellt, auf denen dick mit Wurst bestrichene Brotscheiben lagen. Als Attila und Tilia sich endlich ein Herz gefasst hatten und aßen, stellte sich der Elf ihnen breitbeinig gegenüber und sprach:

„Mein Name ist Torben. Wie heißt ihr?“

Sie stellten sich brav vor und er schien langsam ein wenig zufriedener mit ihnen zu sein. 

„Ihr könnt bei mir wohnen. Da ihr Eisen vertragt, könnt ihr mir bei der Arbeit helfen und das Mädchen kann uns Essen machen und das Haus sauber halten. Wenn ihr wieder gehen wollt, so tut das. Aber ehrlich gesagt, glaube ich, dass ihr es hier besser habt, als irgendwo anders. Ihr werdet genug zu Essen haben und ein Dach über den Kopf. Wer auch immer euch tot sehen will, auf meinen Hof kommt außer mir nie jemand. Im Dorf kennt man mich nur als Einsiedler, der mal vorbeikommt, um zu handeln und zu trinken.“

Nach seiner Rede ließ er die beiden ein wenig allein und auch der Hund hatte endlich eine andere Beschäftigung gefunden. Tilia und Attila diskutierten eine Weile, einigten sich aber schließlich darauf, hier zu bleiben, solange es ihnen möglich war. 

„Und ich möchte, dass du, wenn du Zeit dafür findest, übst, zu zaubern.“, sagte Attila. „Wenn wir von hier wieder aufbrechen müssen, werden wir es brauchen.“

Nach einer Woche, in der Tilia und Attila erst draußen, dann in der Stube des Mannes geschlafen hatte, kündigte der Elf an, ihnen ein eigenes Zimmer zu geben. Er schob einen gewaltigen Schrank zur Seite, unter dem eine Falltür zum Vorschein kam. Eine Öllampe in der Hand haltend, ging Torben die hölzerne Leiter voraus nach unten. Tilia und Attila warteten zögernd über der Tür und folgten ihm erst, als er im Raum darunter die Lampen angezündet hatte. Es war ein Flur, von dem sechs Türen abgingen, hinter den meisten waren die kleinen Räume bis zum Rand zugestellt, aber zwei der Räume waren betretbar. Torben öffnete den ersten und die Drei sahen in ein lediglich mit einem Bett ausgestattenes Zimmer. Überall auf dem hölzernen Boden, den Wänden und sogar am Bett, sahen sie Kratzspuren, einige davon waren unheimlich tief. Ganz besonders Tür und Türrahmen hatten kaum noch unbeschädigte Stellen. Tilia schauderte. Torben seufzte, schloss die Tür wieder und führte sie zum Raum nebenan. Tilia hatte erwartet, hier ein ähnliches Szenario vorzufinden, aber sie irrte sich. Das Zimmer war unbeschädigt und auch weitaus besser möbliert als das andere. Abgesehen von der dicken Staubschicht sah es aus, als hätte sein vorheriger Besitzer es gerade erst verlassen. Das weiß bezogene Bett war ordentlich gemacht und der Stuhl stand in einem Winkel zum Tisch, als wäre gerade jemand davon aufgestanden. Torben wurde plötzlich ziemlich wortkarg, schnappte sich die Bettwäsche und verließ die beiden, ohne ihnen in die Augen zu sehen.

„Wer auch immer in diesem Zimmer lebte, Torben muss ihn vermissen.“, vermutete Tilia und sah sich um.

„Aber was war in den anderen Räumen?“

„Tiere?“

„Ich weiß nicht. Warum sollte er Tiere im Keller halten – ein Keller, in den man nur über eine Leiter kommt.“, meinte Attila. 

„Glaubst du, es waren sowas wie Dierelfen? Ich glaube, das Wort einmal von ihm gehört zu haben.“, erinnerte sich Tilia.

„Vielleicht. Aber meinte Bea nicht, sie kann kontrollieren, wann sie wechselt? Bei diesen Spuren der Zerstörung hatte ich eher das Gefühl, dass da jemand die Kontrolle verloren hätte.“

„Glaubst du, es gibt sowas wie Werwölfe unter den Elfen?“, fragte Tilia.

„Ich weiß nicht.“

Attila öffnete die Schreibtischschublade und fand Stifte und Papier. „Ah, sehr gut.“, kommentierte er.

„Hier gibt es sogar Pastellfarben!“, wunderte sich Tilia, nachdem sie in den kleinen Nachtschrank geschaut hatte. „Bestimmt sind sie schon eingetrocknet.“

„Aber wenn hier ein kleiner Künstler oder eine kleine Künstlerin gelebt hat,“, überlegte Attila, „Dann finden wir bestimmt auch ein Kunstwerk. Vielleicht verrät uns das mehr.“ Er legte die Hand auf den Griff der gegenüberliegenden Tür.

„Warte.“, bat Tilia. „Torben kommt bestimmt gleich wieder. Lass uns das tun, wenn er nicht hier ist. Er scheint das alles vergessen zu wollen.“

Tatsächlich kam Torben nicht wieder in den Keller. Nachdem er ihnen den Eingang einmal gezeigt hatte, mied er selbst den Raum und überließ ihn ganz den Menschen. Die Bettwäsche ließen sie für einen Tag auslüften, danach hatten Tilia und Attila ihren eigenen Raum mit Bett – mehr als sie es gewagt hätten, zu träumen. 

Einmal in der Woche, verließ Torben den Hof für fast den ganzen Tag. Dann ließ er Attila Holz für den Kamin und die Schmiede hacken und Tilia arbeitete in der Küche. Sie durchsuchte die Schränke nach Kochbüchern und gab ihr Bestes, aus den Zeichnungen etwas zu erfahren, lesen konnte sie die Schrift der Alben jedoch nicht. Tilia mischte gerade Zutaten für Brotteig zusammen, als etwas an die Fensterscheibe klopfte. Tilia strich sich die Finger sauber und beobachtete skeptisch den Vogel, der auf dem Fensterbrett vor ihr hin und her tapste und erneut mit dem Schnabel gegen die Scheibe pochte. Es war eine Nebelkrähe, genau solche, wie es sie auch in Xarda gegeben hatte. Ihr Bauch war grau, aber ihre Flügel und der Kopf schwarz. Der Übergang zwischen schwarzen und hellgrauen Federn auf der Brust der Krähe sah aus wie ein Lätzchen. Aus ihren schwarzen, perlenartigen Augen sah sie Tilia wartend an. Das Mädchen öffnete das Fenster, woraufhin die Krähe mit ihrem Schnabel an ihren Füßen werkelte. Tilia versuchte, zu erkennen, was sie tat, doch ehe sie verstand, hatte die Krähe bereits den Knoten, der um ihr Bein gebunden war, gelöst und ein kleines, rollenförmiges Gefäß fiel vor Tilia auf den Tisch. Tilia nahm es in die Hand und betrachtete es verwundert. Als sie die Kapsel öffnete, fiel eine Papierrolle in ihre Hände. Als sie wieder aufsah, war die Krähe fortgeflogen.

Am Abend zeigte Attila Tilia ein Bild, das er zwischen dem kaputten Kram in den anderen Zimmern gefunden hatte. Es war eine mit Pinsel und Farbe gemalte Leinwand, auf der sie aber nicht viel erkannten. Es sah aus, wie ein rot-schwarzer Sturm, durch den eine runde, weiß-rötliche Scheibe leuchtete. Das Bild war den beiden sowohl rätselhaft, als auch unheimlich, also beschlossen sie, es an dem Ort zu verstecken, an dem Attila es gefunden hatte. Dann zogen sie sich in ihr Zimmer zurück und lasen den Brief, den Tilia von der Krähe bekommen hatte. Bea berichtete darin von ihrer Universität und den Leuten, denen sie begegnet war.

„Als ich Bea das letzte Mal sah, besaß Bea keine Krähe, die Briefe austragen konnte.“, bemerkte Attila skeptisch.

Tilia zuckte mit den Schultern.„Vielleicht läuft das hier so. In Xarda nutzten sie früher doch auch Brieftauben. Krähen sind auch recht intelligent...“

„Ja, aber wenn uns so eine Krähe ausfindig machen konnte, dann wird das für die Waldelfen wohl auch kein Problem sein.“, gab Attila zu bedenken.

„Vielleicht ist das was anderes. Ich hoffe es.“, sagte Tilia. „Und selbst, wenn nicht: Wo sollen wir hin?“

Attila starrte eine Weile in die Leere.

„Hm.“, machte er schließlich. „Wir sollten uns überlegen, ob wir antworten.“

Tilia nickte. „Die Krähe hat den Hof auf jeden Fall nicht verlassen. Sie schien mich zu beobachten.“