Bea und die Wölfe


Bea IV

Zwei weitere Wochen lang konnte Bea sich noch während der Vorlesungen zurücklehnen, aus dem Fenster schauen und nebenbei Hausaufgaben machen. Während der Vorlesung am Montag morgen der dritten Woche kündigte sich jedoch das Ende des entspannten Studiums an. Herr Gordon kam zum ersten Mal zu spät und schien deswegen recht nervös zu sein. Unruhig wuselte er zwischen Pult und Projektor hin und her, um seine Vorlesung vorzubereiten. Bea fragte sich, ob er schon immer so unausgeschlafen ausgesehen hatte. Seine Haare waren verwuschelt, und unter seinen Augen befanden sich blass-blaue Ringe. Er schrieb den Titel des neuen Kapitels an die Tafel und als Ruhe eingekehrt und er mit seinem Vortrag begann, war sich Bea binnen weniger Minuten sicher, dass der Mann nicht an Schlafmangel litt, sondern offenbar gerade noch einen Zug Amphetamin zu sich genommen hatte. Er ratterte Definitionen und Sätze herunter, die Bea verwirrten und bewies sie innerhalb eines Augenzwinkern. Bea gab ihr bestes, mitzuschreiben und mitzudenken. Beides gelang ihr jedoch nicht und wenn sie zu Luise und Norton sah, erwiderten sie ihren Blick mit eindeutiger Verwirrung und Fassungslosigkeit. 

Zumindest hatte Luise es geschafft, alles mitzuschreiben, sodass Bea ihre Aufzeichnungen auf der Fahrt nach Rechenberg ergänzen konnte. Dort trennten sich ihre Wege und Bea suchte den Raum der Mathe-Physik-Fachschaft auf, wo sie sich ein Skript zur Vorlesung von Herrn Gordon besorgen konnte. Sie hoffte, damit ein wenig besser mitzukommen. In der Mensa setzte sich Bea wie jeden Montag zum erstbesten ihr bekannt vorkommenden Gesicht und erweiterte ihren Bekanntenkreis und ihr Namenslexikon um einen Eintrag. Den Rest des Freiblocks nutzte sie, um sich die Aufgabenblätter anzusehen, die ihnen gegeben wurden. Tatsächlich schienen ihr die Aufgaben von Herrn Gordon sogar irgendwie machbar, wenn man die merkwürdigen Definitionen erst einmal hingenommen und gelernt hatte. Schlimmer stand es um die Aufgaben in Analysis. Auf den Blatt standen Begriffe, die Bea von Herrn Althjof noch nicht einmal gehört hatte und als sie am Abend den Übungsleiter danach fragte, gestand dieser, dass es nicht das erste Mal wäre, dass Herr Professor Althjof mit seiner Vorlesung so sehr hinterher hinkte, dass sie von dem Stoff, den sie für die Blätter brauchten, in seinen Vorlesungen erst einige Wochen später erfuhren. Nichts desto trotz schien der Übungsleiter ziemlich zuversichtlich, was die Fähigkeiten der Studenten anging. Er gab ihnen ein paar Ansätze, schrieb ein paar Formeln an die Tafel und entließ sie schließlich mit den Worten „Den Rest schafft ihr schon selbst.“ 

Als Bea nach diesem letzten Block über den Campus wanderte, drehte sich alles in ihrem Kopf. Auf dem Übungszettel hatte es nur eine Aufgabe geben, bei der sie es zumindest für möglich gehalten hatte, sie zu lösen und selbst dafür hatte sie nicht das Verständnis. Als sie danach gefragt hatte, hatte man ihr eine Gleichung an die Tafel geschrieben mit der angeblich die Aufgabe ganz leicht zu bewältigen sei, doch Bea verstand weder, wieso die Gleichung richtig war, noch wann sie sie anwenden sollte. Auf den Zug wartend, zerbrach sie sich noch immer den Kopf darüber, als sie plötzlich einen Monomathematiker sah, der ihr wie gerufen schien. Sie musste nicht einmal in ihr Namenslexikon schauen, ehe sie auf ihn zutrat, denn sie hatte seinen Namen schon damals so witzig gefunden, dass sie ihn nicht vergaß. 

„Hi Mikkel!“, begrüßte sie den Jungen. 

Er betrachte sie überrascht durch seine schwarz gerahmte Hornbrille. „Hi... Bea?“

„Ja. Genau. Ich komme gerade von der Analysis-Übung und bin ziemlich verzweifelt.“

„Warum?“

„Ich komme mit den Aufgaben nicht klar. Kannst du mir vielleicht helfen?“, fragte Bea.

„Ich hab sie selbst noch nicht gemacht, aber ich kann sie mir ja mal ansehen.“

„Das wäre echt nett.“ Bea holte ihren Hefter hervor und drückte ihrem Kommilitonen zwei Blätter in die Hand. „Das ist das Übungsblatt und das sind meine Versuche. Also nur bei Aufgabe zwei hab ich das Gefühl, dass ich überhaupt weiß, worum es geht, aber... Irgendwie komm ich nicht weiter.“

„Hm. Ja, gib mir ne Minute.“, bat er.

Im Zug ließ er sich von Bea einen Stift geben und erklärte ihr in fünf Minuten den Trick hinter der Aufgabe. Wie er es beschrieb, schien plötzlich alles ganz klar zu sein. Trotzdem versuchte Bea ihr bestes, sein Gesagtes mitzuschreiben, um es nicht zu vergessen. 

„Vielen Dank, Mikkel.“, sagte sie schließlich. „Woher konntest du das?“

„Ich glaube, das hatten wir schon mal in der Schule.“, erwiderte er. „Wieso nennst du mich eigentlich Mikkel?“

Die Frage traf Bea wie ein Pfeil. Für ein paar Sekunden suchte sie nach Worten, während ihr Kopf immer roter wurde. 

„Äh.“, stotterte sie. „Heißt du nicht so?“

Der Junge lachte. „Nein. Mein Name ist Michel.“

„Oh. Ach...“, beschämt biss sich Bea auf die Lippe. „Ich dachte, du heißt Mikkel. Ich hatte in Erinnerung, dass dein Name witzig klingt. Tut mir echt leid!“

„Ach.“, Michel winkte ab. 

Der Zug hielt und Michel stand auf. „Ich muss los. Mach's Gut.“ Er hielt ihr die Faust hin und Bea überwand gerade noch rechtzeitig ihre Verwirrung, um auf sein Abschiendsritual einzugehen, ehe er sie verließ.

Die ganze Heimfahrt und selbst als sie schon zu hause angekommen war, ärgerte sich Bea über ihren Irrtum. In ihrem Namenslexikon strich sie Mikkel mehrfach durch und korrigierte den Namen. Schließlich beschloss sie, noch einen Spaziergang zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen, denn sie konnte sich gerade auf nichts anderes konzentrieren. 

„Ich bitte ihn um Hilfe, obwohl wir uns gar nicht kennen und dabei spreche ich ihn auch noch mit nem falschen Namen an!“, murmelte Bea vor sich hin, während sie durch den Wald wanderte. Als das Licht der Sonne verschwand, machte sie sich auf den Rückweg, wobei ihr Geruchssinn ihr den Weg zeigte, den sie gekommen war. Als Bea endlich aus ihrer Gedankenverlorenheit erwachte, bemerkte sie, dass sich ein fremder Geruch zwischen den des Waldes und ihrem eigenen gemischt hatte. Natürlich hätte es sie nicht überrascht, wenn hier noch jemand anderes spazieren ging, jedoch hatte sie niemanden gesehen. Skeptisch schaute Bea sich um und beschloss, zügigen Schrittes weiter zu gehen. Doch Bea kam nicht weit. Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor und stellte sich ihr in den Weg. Bea ballte ihre Fäuste und bat ihn, sie vorbei zu lassen, doch er schien anderes im Sinn zu haben. Als er einen Schritt auf sie zu trat und seine Hände nach ihr ausstreckte, reagierte Bea mit einem Faustschlag, der ihn mit der Wucht einer Bärenpranke im Gesicht traf. Dass das Mädchen eine solche Kraft besaß, hatte er nicht erwartet. Der Mann verlor nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern flog er einige Meter über den Waldboden. Bea hatte ihn zwar zu Boden geschlagen, doch sein Gesicht war so hart gewesen, dass sie sich dabei mehr verletzt hatte, als ihn. Ihre Knöchel und Finger pulsierten vor Schmerz. Bea wollte an dem sich gerade aufrappelnden Elfen vorbei rennen, da merkte sie, dass von hinten jemand auf sie zu kam. In seiner Hand blitzte Stahl. 

Bea schluckte schwer. In Hinsicht auf ihre Kraft konnte sie es vielleicht mit diesen Kerlen aufnehmen, doch Eisen hatte sie nichts entgegen zu setzen. Verzweifelt sich auf das erneute Glück verlassend, dass sie ihrem Gegner zuvorkommen würde, stürzte Bea dem Fremden entgegen, um ihm einen Schlag gegen sein Kinn zu verpassen. Sie traf ihn zwar, aber sein Messer bohrte sich in ihre Schulter, woraufhin sie der Schmerz wie ein Blitz durchfuhr. Bea schrie auf und sackte zusammen. Das Eisen steckte noch immer in ihr und von der Wunde breitete sich die Pein in Wellen aus, die ihr Bewusstsein überfluteten. Gerade so noch drang zu Bea vor, was ihre Augen sahen: Wie der Mann vor ihr stehen blieb und etwas hervorholte, doch das Bild verschwamm immer mehr und wich einem roten Sturm, der in ihrem Kopf wütete. Bea merkte, wie das Eisen sie veränderte und wie der Schmerz ihren Verstand hinwegfegte, bis nur noch das Tier in ihr blieb. Bea kniff ihre Augen zusammen, woraufhin Tränen über ihre Wangen kullerten und nutzte ihre letzte Willenskraft, um den verdammten Stahl aus sich herauszuziehen. Ihre Hand brannte, als sie das Eisen berührte, doch das Stoppen des Eisen-Schmerzes fühlte sich wie eine gewaltige Erlösung an. 

Bea wusste nicht, wie lang ihr Kampf mit ihr selbst gedauert hatte, aber jetzt fiel ihr auf, dass in der Zeit kein weiterer Angriff von den fremden Männern erfolgt war. Als sich ihr Blick klärte, sah sie, dass die Fremden neben ihr am Boden lagen. Dafür stand nun jemand anderes vor ihr. Eine junge Frau mit schneeweißer Haut und Augen, so schwarz wie die Nacht.

„Steh auf, kleines Mädchen.“, forderte sie sie auf. Dabei band sie den bewusstlosen Männern die Hände zusammen und tastete ihre Körper ab.

„Ich kann nicht.“, stöhnte Bea und hielt sich die blutende Schulter. 

„Pfft, nur ein Kratzer.“, spottete die Elfe. Sie warf sich den Mann über die Schulter, der Bea niedergestochen hatte. „Jetzt steh schon auf! Ich brauche deine Hilfe.“

Stöhnend richtete sich Bea auf und hielt sich wankend auf ihren Beinen, während sie die Männer und die Frau betrachte. „Wer sind die und wer bist du? Und wieso haben sie mich angegriffen?“

„Deine erste Frage sollte sein, wieso ich dich gerettet habe. Die stellt sich mir zumindest gerade.“, die Frau zeigte auf den Mann, der noch am Boden lag. „Ich möchte, dass du ihn für mich trägst.“

„Was? Ich kann gerade so stehen!“, empörte sich Bea.

„Ich habe gesehen, mit welcher Wucht du ihn geschlagen hast. Du hast die Kraft dafür. Los jetzt!“

Bea zitterte noch immer vor Schmerz und Schwäche, doch sie wollte auch nicht unbedingt herausfinden, was diese Frau tun würde, wenn sie ihr nicht gehorchte. Also versuchte sie, den Mann anzuheben und die Frau behielt recht: Bea konnte ihn tragen, auch wenn sie das Gefühl hatte, bald ohnmächtig werden zu müssen. Die Frau warf Brotkrumen auf den Ort des Kampfes und wandte sich, zu gehen. Bea folgte ihr und als sie zurück sah, stürzten sich dutzende Krähen auf die Krümel und verwüsteten dabei die Spuren des Kampfes. 

„Ich vertrage kein Eisen.“, erklärte Bea, während sie der Frau quer durch den Wald folgte. 

„Aha.“, machte sie. „Wie heißt du?“

„Bea.“

„Ich schätze es, dass du mich nicht anlügst, auch wenn es mich nicht überrascht. Du kannst mich Aim nennen. Natürlich weiß ich, wie du heißt und was du hier machst.“

„Woher? Und Warum?“

Aim lachte spottend. „Über eine Dierelfe in Raesch sollte ich schon Bescheid wissen.“

„Dierelfe, aber...“, Bea verstummte. Sie wollte nicht, das irgendwer von ihrer Art wusste, doch diese Aim würde sie wohl kaum noch vom Gegenteil überzeugen können. „Weiß es denn... Jeder?“, fragte sie hilflos.

„Sehe ich aus wie jeder?“, erwiderte Aim und drehte ihren Kopf über die Schulter. Im Mondlicht, dass für einen Moment zwischen die Zweige auf ihr Gesicht fiel, erkannte Bea die schauerliche Schönheit der Elfe mit todesschwarzen Augen und murmelte: „Nein. Du... ihr seht aus wie eine Albin.“

Aim machte ein verächtliches Geräusch. „Sprich mich niemals mit ihr an.“

„Entschuldigung.“

„Was für ein Tier bist du denn?“, wollte Aim wissen.

„Eine Bärin.“, erwiderte Bea. 

Aim blieb stehen, warf den Mann von ihren Schultern und band ihn an einen Baum. Das gleiche tat sie mit dem, den Bea getragen hatte. 

„Was hast du mit ihnen vor?“, wollte Bea wissen.

„Ich werde mir anhören, was sie von dir wollten. Auch wenn ich schon eine Ahnung habe. Aber zuerst möchte ich, dass du mir ein paar Dinge erzählst.“

Nun stand Aim ihr direkt gegenüber und ihre finsteren Augen bohrten sich in Beas Blick. Die Lichtverhältnisse schienen Aim nichts auszumachen. Bea wusste, Aim würde auch nur jeden geringsten Versuch, sie zu belügen, bemerken und wahrscheinlich auch bestrafen.

„Stimmt es, dass du aus Occides herkommst?“

„Nein.“, gestand Bea. „Ich verbrachte die letzten acht Jahre in Abrarith, nördlich von Kragos.“

„Warum?“

„Ich habe mich versteckt, weil jemand in meiner Heimat Pasow herausgefunden hatte, wer ich bin.“

„Das war doch sicher nicht der einzige Grund, wieso du gehen musstest.“

„Nein.“ Bea presste die Lippen zusammen. Diese Geschichte wollte sie am liebsten vergessen.

„Keine Sorge, das ist für mich nicht wichtig.“, sprach Aim. „Mit welchen Dierelfen hast du Kontakt?“

„Mit Keinem.“

Aims Blick wurde noch durchdringender, doch sie wusste, dass Bea ein grausiger Lügner war und glaubte ihr. „Tatsächlich. Warum nicht?“

„Mein Vater ließ mich in Abrarith zurück, aber holte mich nie ab. Meinen Bruder und meine Mutter verlor ich schon aus den Augen, als wir aus Dierun nach Pasow zogen. Damals war ich gerade zehn Jahre alt.“

„Verstehe.“

„Was denn?“, wollte Bea wissen. „Wieso ist das für dich wichtig?“

„Das geht dich überhaupt nichts an.“, erwiderte Aim. 

Langsam verlor Bea vor lauter Ahnungslosigkeit die Fassung. Der Schmerz in ihrer Schulter und ihren Fingern tat dazu sein Übriges.

„Wieso haben diese Männer mich angegriffen?“

„Eliminiere bitte dieses weinerliche in deiner Stimme.“, bat Aim. „Das geht mir auf die Nerven.“ Sie betrachte die Männer. „Ich denke, es sind Leute, die dich für eine Krähe halten oder einen Zubringer.“

Das Fragezeichen in Beas Gesicht wurde noch größer, doch sie hielt sich mit ihren Fragen zurück.

„Du warst es doch, die vor kurzem bei Krabat war. Das haben sie wohl zum Anlass genommen, dich zu verdächtigen. Eine Neue in der Stadt, die die erstbeste Gelegenheit nutzt, einen Krähenmann anzusprechen. Vielleicht dachten sie auch, dass du nur eine Krähe werden willst und wollten dir eine Lektion erteilen. Oder uns ein Zeichen senden.“

Aim sah Bea an und merkte, dass sie nichts verstand.

„Ah, du hast nicht nur acht Jahre lang in einem Wald gelebt, sondern hast auch zuvor wenig von der Welt mitbekommen. Lass es mich für dich ganz kurz fassen: Krähen sind Elfen und Alben, die Informationen sammeln und die Welt aus dem Dunkeln heraus verändern. Manche lieben uns, manche hassen uns. Und welche, die uns hassen, halten dich“, Aim schien dabei ein Lachen kaum unterdrücken zu können, „wohl für eine von uns.“

„Aber ich will das gar nicht. Ich will nicht mal wissen, was Krähen tun. Ich möchte nur nicht überfallen werden!“

„Dann solltest du vielleicht noch einmal ein Wort mit Krabat reden, der dich vielleicht verraten hat und den Leuten zumindest einen Teil der Wahrheit über dich zeigen.“

„Was meinst du?“

„Keine Elfe, die sich an Eisen verbrennt, würde auch nur in die Nähe der Kreise der Krähen kommen.“

„Oh. Okay?“

„Ich denke, das wird genügen.“, sagte Aim. „Du kannst jetzt gehen.“

Bea nickte und wandte sich ab. Sie hoffte, dass ihre Nase sie trotz der Schmerzen nach hause führen würde.

„Bea.“, rief Aim ihr nach. „Solltest du dich wirklich entschließen, mit Krabat zu sprechen: Mach es nicht noch schlimmer!“

Aim sah dem Mädchen nach, dass durch das Dickicht davon taumelte und murmelte spöttisch: „Ein naiver Bär zwischen Wölfen.“