Bea und die Wölfe


Aurora III

Mithilfe des goldenen Lichts des Bernsteins, den Poseidon ihr gegeben hatte, wanderte Aurora durch die Finsternis nach Osten. Als die ersten Sonnenstrahlen zu ihr drangen, wurde das Leuchten des Steins für sie nicht mehr sichtbar, dafür lief Aurora nur umso schneller voran. Als sie der Küste schon so nah war, dass sie glaubte, die Wasseroberfläche von unten sehen zu können, ließ Aurora den Stein Poseidons los. 

Endlich kam Aurora ans Ende des Ozeans. Sie streckte ihre Hand aus und durchbrach damit die Wasseroberfläche. Genugtuung durchflutete sie. Der Strand, an dem sie ankam, war sehr steinig. Aurora blieb geduldig und stieß sich nicht von den Felsen ab, über die sie lief, sondern schritt gemächlich auf das Ufer zu, den Moment voll auskostend. Dann erhob sie sich aus den Fluten. Das Wasser lief aus ihren Haaren ihren Oberkörper herab und Aurora strich es sich aus dem Gesicht. Gleichzeitig verließ das Wasser ihre Lunge durch die Schlitze, die zwischen ihren Rippen entstanden waren. Aurora atmete ein – und brennendes Gas erfüllte sie. Aurora keuchte, nicht einmal schreien konnte sie mit ihrem aufs Wasser eingestellten Hals. Noch einmal versuchte sie, sich zum atmen zu zwingen, doch Luft fühlte sich wie Säure an und statt sie zu stärken, raubte sie ihr alle Kräfte. Aurora tauchte wieder unter. 

Es folgte ein kleiner Tobsuchtanfall, bei dem Aurora mehrere Felsen zerschlug, die ihr im Weg standen. Sie hatte nicht den ganzen Ozean durchquert, um den Rest ihres Lebens in dieser Pfütze zu verbringen! In den Ozean war sie gekommen, in dem sie seine Tiere gefressen hatte, doch Aurora sah die Chancen, Landtiere zu fangen, wenn sie das Wasser nicht verlassen konnte, für recht gering. Zumindest hatte sie nicht mit diesen Komplikationen gerechnet. Als Aurora sich beruhigt hatte, legte sie sich zwischen den Felsen auf die Lauer nach Vögeln oder anderen Tieren, die dem Wasser zu nahe kommen könnten.

In dieser Nacht schlief Aurora zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Sie hatte so viel ihrer Kraft eingebüßt, dass ihr während ihrer Lauer die Augen zu fielen. Als sie erwachte, dämmerte es gerade und während sie versuchte, durch die Wasseroberfläche zu sehen, glaubte sie, die Silhouette einer Elfe zu erkennen. Aurora überlegte gerade, ob sie einen Sprung nach oben versuchen sollte, um sich die Person zu schnappen, die auf dem Fels über ihr stand, da fiel etwas ins Wasser. Aurora betrachtete kritisch das schwimmende Objekt, doch es dauerte nicht lang, bis ein großer Vogel im Wasser landete, um es zu fressen. Aurora zögerte keine weitere Sekunde, sondern stieß sich von den Steinen ab, schoss durch das Wasser, packte das Tier und riss es in die Tiefe. Sie versenkte ihre Zähne in dem um sich schlagenden Meeresvogel, schlang das Tier binnen weniger Sekunden herunter und hievte sich auf einen der Steine, die flach aus dem Wasser ragten. Aurora spuckte Wasser und konzentrierte ihre ganze Willenskraft darauf, wieder Luft atmen zu können. Sie schob all das Meeresartige aus ihren Oberkörper. Die Schlitze zwischen ihren Rippen schlossen sich wieder und schließlich konnte Aurora einen tiefen Atemzug nehmen. 

Sie setzte sich auf den Stein und sah sich um. Die Elfe, die den Vogel mit einem Stück Brot zu Aurora gelockt hatte, stand noch immer auf einem Fels, der weit über Aurora ragte. Sie hatte sich das Spektakel interessiert angesehen. Aurora stellte fest, dass sie gut daran getan hatte, keinen Mord an der Elfe zu versuchen, denn sie trug einen Speer, den sie stets in ihre Richtung hielt. Und auch wenn sich Aurora aus der Entfernung nicht vergewissern konnte, ob die Spitze aus Eisen bestand, so wollte sie dieses Risiko auf keinen Fall eingehen. Aurora spuckte das letzte Salzwasser aus, wischte sich das Gesicht und schaffte es trotz all der Umstände, dass der Blick, mit dem sie die Elfe betrachtete, etwas geringschätzendes hatte. Aurora merkte, dass die Elfe außergewöhnlich jung war. Natürlich sahen die meisten Elfen und Alben für das ungeübte Auge ungefähr gleich alt aus, jedoch war es für jemanden wie Aurora möglich, das Alter eines Gegenübers zu schätzen. Das Mädchen, das sie gerade vor sich hatte, war sicher noch ein Kind. 

„Du musst Aurora sein.“, sagte das Mädchen. „Du siehst anders aus.“

Aurora schaute an sich herab und merkte, dass die Haut ihrer Beine von Schuppen und Schleim überzogen war. 

„Bring mir einen Spiegel.“, forderte Aurora.

Das Mädchen lachte. „Wieso sollte ich dir einen Gefallen tun? Du hast Vater und die anderen aus ihrer Heimat vertrieben und jetzt kriechst du als Halbfisch im Wasser.“

Aurora machte ein fauchendes Geräusch, die Möglichkeiten erwägend, das Mädchen zu überwältigen.

„Aber ich habe etwas anderes für dich! Warte nur hier!“, Schon sprang das Mädchen vom Fels aufs Festland und verschwand im Wald. 

Während Aurora voller Ärger wartete, dachte sie darüber nach, was es mit diesem Kind auf sich hatte. Unter denen, die sie verbannt hatten, waren ausschließlich alte Alben gewesen – eigentlich bekam kaum jemand in dem Alter noch Kinder. Und wenn doch: Dieses Mädchen war sicher vierzehn Jahre alt. Hatte Aurora etwa so viel Zeit im Meer verbracht? 

„Oder kommt sie etwa von dieser Insel?“, überlegte Aurora laut. Sie war überrascht, wie ungewohnt es für sie war, ihre eigene Stimme zu hören. „Nein, das Mädchen sah... edel aus. So wie die Alben, die wir vertrieben haben... Ah!“

Als das Mädchen, gefolgt von einem hoch gewachsenem Mann, aus dem Wald trat, erkannte Aurora, wessen Kind es sein musste.

„Harun. Der Mann, den wir beinahe bei uns behalten hätten.“

„Ist das so?“, fragte der Alb. Wie seine Tochter hatte auch er einst ebenbraune Haare und blaue Augen gehabt, doch bei ihm war beides mittlerweile fast gänzlich weiß. 

„Ja. Wir schätzten deine außergewöhnlichen diplomatischen Fähigkeiten. Leider hatte Nero zu viel Paranoia.“

Aurora betrachtete seine Tochter. „Sie sieht dir wirklich sehr ähnlich. Es war wohl sehr einsam auf der Überfahrt...“

„Wir haben hier ein neues Leben begonnen, in der Hoffnung, nie wieder etwas von euch hören zu müssen.“ Harun holte ein Pergament hervor. „Und schon nach wenigen Jahren erreichte uns ein Albatros mit Nachricht von Nero.“

Aurora merkte, dass das wächserne Siegel gebrochen war. Sie entrollte das Papier und als sie die Handschrift ihrer Tochter erkannte, durchfuhr sie ein Beben. 

Nachdem ich die Veredelung überlebt und angenommen habe, hat Nero mich zu seinem einzigen Erben erklärt. Für mein Durchhalten hat er mich mit einem Namen belohnt, den unsere Familie fortan tragen soll: Ohnesorg. Er versprach mir, ein Schloss bauen zu lassen, in dem ich die Kinder großziehen kann, die ich für ihn gebären soll. Der Mann, den er für mich ausgesucht hat, ist ebenfalls veredelt. Er tut mir nicht weh...

Den Teil, in dem Shey beschrieb, wie Nero sein Gefolge zusammensuchte und die „Veredelung“ seines Volkes in die Wege leitete, überflog Aurora nur noch. In ihrem Kopf hallten immer wieder die Worte wieder: Der Mann, den er für mich ausgesucht hat Aurora war sich sicher gewesen, dass sie nie miterleben würde, wie ihre Tochter einen Mann nahm. Shey war zu zerbrechlich für die meisten Alben. Sie hatte zu viel Angst, verletzt zu werden. Er tut mir nicht weh – nun, wenn Shey das schrieb, musste es schon etwas bedeuten. Sie würde den Mann bestimmt nicht lieben, aber vielleicht die Kinder, die sie zu Welt bringen würde. Aurora hoffte, dass Shey in ihren Kindern einen Grund zum Glücklichsein fand. 

„Wie lang ist das her?“, wollte Aurora wissen.

„Es ist nun das zwanzigste Jahr, seit der Brief uns erreichte.“, antwortete Harun. 

Aurora schwieg, darüber nachdenkend, dass sie verpasst hatte, wie ihre Tochter Mutter wurde und es sogar schon fast zwei Jahrzehnte her war.

„Nach zehn Jahren gaben wir Antwort.“, fuhr Harun fort. 

„Nicht, dass Nero noch übersetzt, um auch unsere Insel einzunehmen.“, warf das Mädchen ein und lachte.

Harun grinste und tätschelte ihren Kopf. „Das hat sie von mir. Der Mann scheint vor nichts zurück zu schrecken. Was meint er mit Veredelung?“

Vor Auroras  Augen spielte sich die Szene ab, in der Nero ihrer Tochter mit dem Eisen über die Haut fuhr. Ihre Zähne knirschten bei dem Gedanken, dass er sie noch viel länger gefoltert haben musste. 

Harun schaute sie noch immer fragend an. 

„Wie wär's, wenn du mir etwas zu Essen bringst. Etwas, das nicht aus dem Meer kommt.“

Harun nickte. Als er Hannah mitnehmen wollte, erklärte sie, dass sie am Strand bleiben wollte.

„Aber sei vorsichtig!“, ermahnte Harun sie. „Bist du einmal unaufmerksam, tötet sie dich!“

Aurora lachte.

„Er kennt mich wirklich gut.“

Hannah drehte den Speer in ihren Händen. „Wieso würdest du mich töten?“

„Um dich zu fressen, natürlich.“, erwiderte Aurora.

„Du würdest eine Elfe fressen?!“, fragte Hannah erschrocken.

„Hat dir Harun so wenig von mir erzählt?“

„Hast du etwa schon mal Elfen gefressen?“, wollte Hannah wissen.

„Hunderte.“

Nervös schluckend packte Hannah den Speer umso fester.

„Sie hatten es allerdings verdient, zu sterben.“, fügte Aurora hinzu. „Ganz im Gegensatz zu dir. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich natürlich nicht versuchen, dich zu töten. Aber: Sieh mich an:

Ich war die mächtigste und schönste Elfe der Welt und jetzt? Die Hälfte meines Körpers ist mit Schuppen bedeckt. Ich habe meine letzten Kräfte aufgebraucht um wieder Luft atmen zu können. Gestern habe ich geschlafen! Nach tausend Jahren musste ich zum ersten Mal wieder schlafen. Wenn ich nicht bald wieder zu Kräften komme, erlebe ich vielleicht den Tag nicht mehr, an dem ich Nero töten kann.“

Auroras Blick hing sehnsüchtig an der weißen Kehle des Mädchens.

„Und du bist noch dazu Haruns einziges Kind. Es wäre einfach zu perfekt. Vielleicht würde er aus Kummer sterben und all seine Kraft würde sich auf mich übertragen.“

„Würde das funktionieren?“, hinterfragte Hannah. „Mein Vater hat mir erzählt, dass die Kraft von mächtigen Elfen auf ihre jüngsten Nachfahren übergeht, wenn sie sterben, aber wenn du mich frisst...“

„Dann bleibt seiner Macht nichts anderes übrig, als auf das überzugehen, was von dir übrig ist.“, sagte Aurora. „Da er keine anderen Nachfahren hat, halte ich diese Möglichkeit für recht wahrscheinlich. Die Stärke der Elfen geht nicht verloren. Wir werden nur immer mächtiger. Deswegen werden wir uns einst erheben und...“ Aurora unterbrach sich, als sie Harun aus dem Wald stapfen sah. Direkt am Strand stapelte er Holz, entzündete es und hängte ein gehäutetes Tier am Spieß darüber. Schon bald stieg Aurora der Geruch in die Nase, von dem sie bisher gar nicht gewusst hatte, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Harun ging ganz richtig in der Annahme, dass er Aurora ausreichend bestochen hatte.

„Veredelung.“, begann sie, „So nennt Nero offenbar den Vorgang, Elfen an Eisen zu gewöhnen.“

„Wie?“, wollte Harun wissen.

„Ich habe nur gesehen, wie er es bei Shey gemacht hat.“, erwiderte Aurora. „Aber ich kann mir denken, dass er bei anderen noch etwas einfacher vorgeht: Er bringt dich in die Nähe von Eisen. Jeden Tag ein bisschen länger, ein bisschen näher. Und entweder du kannst es irgendwann berühren, ohne zu verbrennen – oder du stirbst.“

„Und mit wem macht er das?“, fragte Hannah.

„Mit allen, denke ich doch.“, erwiderte Aurora. „Er plant, eine Armee zu schaffen, mit der er in den Norden einfallen kann.“

„Ich bin froh, dass ihr vertrieben wurdet.“, sprach Hannah, deren helles Gesicht noch ein wenig blasser geworden war. 

„Tut mir leid, dass du das mit anhören musstest.“, entschuldigte sich Harun. „Ich hätte dich fortschicken sollen.“

„So ein Unsinn!“, spottete Aurora. „In ihrem Alter hätte ich dafür getötet, von solchen Sachen nur gehört zu haben.“

Aurora bemerkte Hannahs verwirrten, aber interessierten Blick, den sie auf die Albin richtete. Harun schnitt ein großes Stück aus dem Rücken des Tieres. Saft tropfte vom Fleischstück, als Harun es Aurora reichte. Mit geschlossenen Augen genoss sie das zarte, saftige Fleisch und Fett rann ihre Arme herunter.

„Sie sieht wie ein Tier aus.“, flüsterte Hannah. „Wir sollten ihr nächstes Mal einen Teller geben.“

„Oh, diesen Eindruck hast du nicht, weil sie ohne Teller isst.“, stellte Harun fest.